Orlando, Kopftücher und Aufschrei benötigt

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Guten Morgen und Salam,

nach dem gestrigen furchtbaren Anschlag in Orlando und den jetzt schon bestehenden Hasstiraden auf Musliminnen und Muslime, die sich innerhalb kurzer Zeit wie ein Lauffeuer verbreiten, war ich heute morgen nahe dran meinen Ramadan-Hijab abzulegen, um in der Öffentlichkeit nicht als Muslimin erkennbar zu sein.

 

Wie man auf dem Foto unschwer erkennen kann, habe ich mich dagegen entschieden, denn mit dem Ramadan habe ich mir die Aufgabe gestellt das Kopftuch zu tragen, sei es aus spirituellen Gründen, aber auch, um herauszufinden, wie unsere Umgebung auf das Tragen von Kopftüchern in der Gegenwart reagiert.

Die erste Reaktion, die ich heute morgen aus meinem Auto heraus von einem adrett gekleideten Herrn auf einem Fahrrad erhielt – ich hatte mein Fenster geöffnet – war: „Scheiß-Muslimin. Verpiss Dich.“

Ja, ich habe extrem schlucken müssen, denn nicht nur das widerfährt einem als Muslim(in) in der heutigen Zeit.

Gestern Abend musste ich mich zu meinem Leidwesen von einer FB-Bekannten wieder vorhalten lassen, ich müsse als Konvertitin ja genau wissen, worauf ich mich bei der Annahme des Islams eingelassen habe. Weitere persönlich gewordene Sticheleien folgten, so dass ich leider Abschied nehmen musste. Auf meiner PW dulde ich es nicht, wenn man gegen andere oder meine Wenigkeit persönlich wird. Wenn es Kritik gibt, ist diese berechtigterweise anzumerken, dennoch sollte damit konstruktiv umgegangen werden. Alles andere wird bei mir mit Konsequenzen geahndet.

Heute verstehe ich das Kopftuch für mich als Last und doch werde ich es weiter den Ramadan hindurch tragen, um ein Zeichen meines Glaubens zu setzen. Mein Motto ist nach wie vor:
Ich lasse mir meinen Glauben nicht kaputt machen, weder durch Anders- oder Nichtgläubige, Ex-Muslime, oder auch Glaubensgeschwister, die unsere Religion mit Füßen treten und in den Dreck ziehen. Der Glaube ist etwas besonderes. Er lehrt uns soviel. Deshalb ist es wichtig Geduld zu haben und Gemeinschaft, oder vielmehr Zusammenhalt, zu zeigen.

Hier ist keine Opferrolle am Start, sondern eine ganz normale Muslimin, die sich wünscht, dass wir Musliminnen und Muslime endlich mal Flagge zeigen, uns zusammenraufen, uns gegenseitig unterstützen und der Gesellschaft wirklich zeigen, was unser Glaube uns wirklich lehrt. Es muss einen kollektiven Aufschrei aus der muslimischen Community geben und nicht nur Statements von einzelnen bekannten Musliminnen und Muslimen.

„…Allah ändert nicht den Zustand eines Volkes, bis sie das ändern, was in ihnen selbst ist…“ (13:11)

LG und Salam,

Caroline

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Ein Gedanke zu “Orlando, Kopftücher und Aufschrei benötigt

  1. hataibu schreibt:

    Hallo Caroline,

    Deine Wut kann ich sehr gut verstehen. Auch ich bin heute mal wieder sehr wütend.
    Nicht auf „die“ Muslime, auf die (zu) viele andere ihre Wut projizieren, sondern auf diejenigen, welche es durch ihre Ideologie einem verrückt gewordenen jungen Mann ermöglichen, sich wage auf irgendwelche wirren religiösen Ideen zu berufen, der sonst möglicherweise „einfach nur“ Amok gelaufen wäre. Und auf die anderen, die selbige menschenverachtenden Ideen und Taten pauschal einer ganzen Religionsgemeinschaft zuweisen, die sich in ihrer Gesamtheit nicht wehren kann.
    Es gibt offenbar weltweit eine bedeutende Minderheit, die mit der Entwicklung weg von national, ethnisch und religiös homogenen Gesellschaften hin zu einem pluralistischen, toleranten Miteinander verschiedener Lebensentwürfe nicht klar kommt. Ob diese Einstellung nun national oder religiös motiviert ist, macht im Ergebnis keinen Unterschied. In allen Fällen werden alle, die nicht zur eigenen Gruppe gehören, als minderwertig und lebensunwert betrachtet, und dies mit irgendwelchen Mythen (Kulturelle Überlegenheit, Blut-und-Boden, Heilige Bücher etc.) begründet.
    Ob IS/Daesh, AfD, Erdoğan oder Trump, alle vertreten sie die Vergangenheit, das 19. Jahrhundert, das Trennende.
    Unsere Zukunft als Menschen liegt woanders. Lassen wir diese Rückwärtsgewandten zurück, kämpfen wir für eine bessere Zukunft, eine Zukunft des freundlichen, friedlichen und kooperativen Miteinanders.

    hataibu

    PS.: meine Meinung zu „heiligen“ Büchern kannst du hier nachzulesen:
    https://hataibu.wordpress.com/2014/09/10/heilige-bucher

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