Islam ist ein Lebensgefühl

Hallo und Assalamu Alaykum,

Der Islam darf nicht indoktriniert werden, denn er ist bzw. soll für jeden einzelnen Menschen ein einzigartiges Lebensgefühl sein.

Jetzt höre ich schon im Geiste bzw. in meinem Kopf die Stimmen, die mir sagen möchten, dass man den Islam ohne gewisse Anweisungen, Regelungen und/ oder Riten nicht leben und somit dann von der Praxis her auch kein „richtiger“ Muslim sein kann. Der O-Ton wäre womöglich, dass man ohne das Gebet kein „richtiger“ Muslim wäre; dass man ohne die „korrekte“ Kleidung kein „richtiger“ Muslim sein könnte; dass man ohne die Beherzigung und Ausübung des Fundaments des Islams Schwierigkeiten haben könnte als „richtiger“ Muslim durchzugehen.

Nur…was ist „richtig“ und wer bestimmt das? Und ist es nicht eine Herzens- und Glaubensangelegenheit eines jeden einzelnen Menschen, wie er die Beziehung zu Gott sucht und seinen Glauben praktiziert? Es ist durchaus machbar diese Frage mit einem klaren „Ja“ oder auch „Nein“ zu beantworten. Es kommt darauf an, aus welcher Sicht man die Praxis und das Sein eines Muslims/ einer Muslimin definiert und versteht.

Es gibt Länder, in denen die Einwohner zur Glaubenspraxis, zumindest was die Öffentlichkeit angeht (man hat sonst seinen Ruf zu verlieren), regelrecht genötigt werden. Das bedeutet z.B., dass wenn der Gebetsruf ertönt, die Geschäftsbesitzer ihre Läden schließen und zur nächstgelegenen Moschee eilen müssen, um das Gebet zu verrichten. Das geschieht somit nicht aus freier Hingabe zu Gott, sondern unter Zwang. Es ist schon fast eine gesetzlich-religiöse Indoktrination, welche in manch islamisch geprägten Land den Alltag beherrscht.

quran_rose_paletsHier in Deutschland können wir Musliminnen und Muslime sehr dankbar sein, dass wir Religionsfreiheit haben und unseren Glauben nach unseren Vorstellungen praktizieren können. Wir genießen wirklich viele Freiheiten und können die so genannten Pflichten des Glaubens (eigentlich) fast ohne Probleme ausüben:

Wir können zur Schahada stehen – Das islamische Glaubensbekenntnis (Es gibt keinen Gott außer Gott, und Muhammad ist sein Gesandter) kann ohne Zwang geglaubt werden. Wir rezitieren es, wenn wir beten (tagtäglich). Das Gefühl WIRKLICH zu glauben, ist ein Lebensgefühl.

Wir können das Gebet verrichten – Vielleicht nicht immer pünktlich auf den Gongschlag (was aber auch nicht schlimm ist, denn wir haben ja, Gott sei Dank, Zeitspannen, die uns Raum dafür lassen), aber wir können zuhause, in der Moschee oder bei Freunden das Gebet verrichten. Keiner hindert uns daran, aber auch keiner zwingt uns dazu. Es ist unsere eigene Entscheidung und liegt bei uns.

Wir können Ramadan ausüben – Wenn im Ramadan gefastet wird, können wir dieser Pflicht, wenn wir so wollen, wenn wir in der Lage sind, und wenn wir nicht von dieser Pflicht befreit sind (Kinder, Alte, Kranke, Reisende, Schwangere und stillende Mütter), nachgehen. Ob und wie jede(r) Einzelne das macht, muss man selbst entscheiden. Man wird hier nicht dazu gezwungen, genötigt, allerhöchstens wäre das eigene Gewissen entscheidend.

Wir können die Zakat verrichten – da wir Muslime keine KirchensteuerzahlerInen sind, haben wir dennoch die religiöse Pflicht unser Vermögen mit Armen und Bedürftigen zu teilen bzw. pro Jahr, sofern wir dazu in der Lage sind (nicht alle müssen, nur die, die ein regelmäßiges Gehalt beziehen, Einkommen und/ oder Vermögen haben – Hartz IV und Studenten zählen nicht dazu), 2,5% unseres Ersparten zu spenden. Keiner zwingt uns dazu, Gott sei Dank, aber unser Gewissen sagt uns schon, ob der Gerechtigkeit wegen es vielleicht eine ganz gute Idee ist zu teilen.

Wir können auf den Hadsch gehen – natürlich nur, wenn wir finanziell und gesundheitlich dazu in der Lage sind. Keiner hier sagt, dass man das „muss“, auch wenn es eine so genannte Pflicht ist, diese Reise mindestens einmal im Leben gemacht zu haben. Das einzige Manko an dieser Sache ist, dass es tatsächlich ein bürokratischer Akt ist, wenn man dorthin will und nicht „gebürtiger“ Muslim ist. Dann muss man einen Wisch von der Moschee oder einer anerkannten islamischen Organisation haben, der einen ausweist, dass man tatsächlich Muslim ist. Tja, hier gilt wohl das „Glauben, nicht Wissen“-Prinzip. Hier findet man das von mir obig angesprochene „Islam ist ein Lebensgefühl“ wahrscheinlich erst, wenn man mit dem Papierkram durch ist, und der ist bekanntlich geduldig.

Soweit so gut.

Es ist wichtig, dass man viel nachdenkt, viel liest – und dann seinen eigenen Weg im Islam geht. Man muss sich im Glauben wohl fühlen. Für viele Muslime ist der Glaube sehr schwierig, denn sie kennen den Glauben nicht anders als mit Regeln, Geboten, Verboten, Riten und Traditionen bestückt. Es ist halt die Frage, was davon ist wirklich islamisch und was ist letztendlich Tradition. Ist es wirklich so, dass der Glaube nur gelebt werden kann, wenn man all diesen Dingen folgt, allen Gelehrten, Predigern oder „Wissenden“ Glauben schenkt? Ist es wirklich DAS Seelenheil, wenn man sich stocksteif an alles Gebotene und Verbotene hält, oder ist alles doch nicht so schwarz-weiß, wie einem oft versucht wird weiszumachen?

Islam für alle denkbar: Für die Pragmatiker, die Logiker, die Romantiker, die Mystiker, die Regeleinhalter, die Ordnungsliebenden, die Traditionellen, die Progressiven, die Koleriker, die Weisen, die Frechen, die Wilden, die Rebellen, die Heteros und Homos, die Zyniker und Ironiker: für eben jene, die mitten in der Gesellschaft sind, aber auch für die, welche sich als Außenseiter verstehen. Für alle gibt es ein Plätzchen. Man muss es ihnen nur gewähren. Gott gibt jedem von uns genau das, wer er sich für sich und andere wünscht, wenn von dem- oder derjenigen etwas zu Ihm zurückkommt.

Wer den Islam kennen lernt und studiert (ich rede hier von Musliminnen und Muslimen), ihn beginnt zu verstehen, verinnerlicht ein Gefühl der Lebensfreude, Menschlichkeit, (Nächsten-)Liebe, die nur im Herzen ist. Deshalb der Vers:

Einzigartigkeit

“Wahrlich, im Gedenken Gottes werden die Herzen ruhig.”

(Qur’an 13:28)

 

Wenn man den Glauben beginnt zu verinnerlichen, sich damit auseinandersetzt, ihn in jeder Pore spürt, ihn bei jedem Herzschlag merkt, lebt es sich positiver und bewusster.

KampfMir sieht man nicht auf Anhieb an, dass ich Muslimin bin. Warum? Ich trage kein Kopftuch. Würde ich eins tragen, würde man mich sofort mit dem Islam assoziieren, was auf der einen Seite gut wäre (dann müsste ich mich nicht ständig erklären), allerdings auf der anderen Seite gibt es nicht das lodernde Glaubensgefühl des Islams, welches durch meinen Körper fließt, den ich mit Biegen und Brechen versuche zu verteidigen, richtig (nach meiner Ansicht) zu stellen, was Islam wirklich bedeutet und beinhaltet, wieder. Ein Lebensgefühl ist eine Leidenschaft, die lichterloh brennen kann wie eine Liebe, die vor Sehnsucht nach dem Liebsten explodierend wirken kann, und doch sanftmütig und geduldig dem Gegenüber darstellt.

Islam ist ein Lebensgefühl. Es ist mein Lebensgefühl. Ohne den Glauben bin ich nicht nichts, aber ich bin auch nichts ohne Gott, Der mir alles gibt, wofür ich dankbar sein muss und bin.

Rose

Islam ist die Hingabe zu Gott. Meine Hingabe zu Gott ist mein täglich sich Euch präsentierendes Wesen, mit all seinen guten und weniger guten Seiten; ein Feuer, dass nur durch den Einen entfacht wurde.

 

LG und Salam

Hannibal-Nur

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