♥ Djuma Mubārakah ♥

Hallo und Assalamu Alaykum,

Cuma

 

ich wünsche allen meinen Leserinnen und Lesern einen gesegneten Freitag.

 

 

„Die Todesstrafe: Akt der Barmherzigkeit oder der Vergeltung?“

Das Thema „Todesstrafe“ ist ein sehr schwieriges und kontroverses Thema. Man könnte meinen, es gibt ungefähr so viele Menschen, die für sie stehen, wie genauso viele, die gegen die Todesstrafe sind. Manche sind sich auch nicht sicher, ob sie dafür oder dagegen sein sollen, da es für den einen oder anderen auf die Situation ankommt. Oftmals ist es so, dass wenn andere betroffen sind, man eher nachsichtig(er) und/ oder mild(er) urteilt, aber wenn man selbst Teil eines Unglücks ist, und jemand aus der Familie oder Freundeskreis ermordet worden ist, dann ist man eher geneigt „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ zu denken.

Timothy McVeigh

Ich bin das erste Mal mit der Todesstrafe so nah „in Berührung“ gekommen, als ich 2000/ 2001 in Los Angeles arbeitete, und während dieser Zeit der Oklahoma-Bombenattentäter Timothy McVeigh am 11. Juni 2001 durch die Giftspritze hingerichtet wurde. Ich werde diesen Tag niemals vergessen, denn es war überall in den Medien zu verfolgen – die USA macht gerne ein Mediendrama über deren Hinrichtungen (wie mir scheint) – und des Nachts habe ich ziemlich schlecht schlafen können. Danach hatte ich beschlossen mich mehr mit dem Thema Todesstrafe auseinanderzusetzen, darüber zu lesen, mich mit den Verhältnissen in den Todestrakten auseinanderzusetzen und einzelne zum Tode Verurteilte und deren Prozesse in den USA zu verfolgen.

BriefeIn 2006 entschied ich mich Brieffreundschaften mit zum Tode Verurteilten zu pflegen. Warum? Aus dem ganz einfachen Grunde, dass auch diese Menschen Grundbedürfnisse haben, die gestillt werden wollen. Wenn man die Situation in den Todestrakten kennt, weiß man, dass diese Brieffreundschaften oftmals der einzige Kontakt zur Außenwelt sind – abgesehen von anwaltlichen Schreiben oder, was selten ist, Familienkontakt. Man wendet sich von diesen Menschen ab. Ganz gewiss ist das zum Teil nachzuvollziehen, allerdings halte ich nichts davon, wenn man sie noch weiter bestraft, indem man sie komplett ignoriert und ihrer Zelle isoliert versauern lässt. Ein Brief oder eine Karte ist oftmals der einzige Lichtblick am Tag.

deth rowIn 2007 stand ich das erste Mal vor der Situation, dass eine Brieffreundin hingerichtet werden sollte. Ihr Hinrichtungsdatum wurde zweimal verschoben, im Abstand von zwei Wochen, und dann ausgesetzt. Sie lebt heute noch, alhamdulillah, aber wohnt noch immer im Frauentodestrakt von Texas. Wie es um ihre Zukunft steht, ist bis heute ungewiss. Eine andere Brieffreundin, auch aus Texas, hat ihre Todesstrafe mittlerweile in lebenslang umgewandelt bekommen. Nach 8 Jahren Isolationshaft in ein normales Gefängnis zu kommen, bedarf einer Umstellung, mit der sie zuerst überhaupt nicht klarkam. Sie wurde weder darauf vorbereitet noch gewarnt und musste sich erst ganz langsam an ihr neues „Zuhause“ gewöhnen. Es dauerte fast ein Jahr, bis ich wieder von ihr hörte. Ähnlich ging es einem deutschen Inhaftierten, mit dem ich mich seit 2006 schreibe. Auch er war im Todestrakt, allerdings 22 Jahre in Arizona. Aufgrund seiner geistigen Schwäche – in den USA dürfen Menschen, die durch ein psychisches Gutachten weniger als 70 IQ besitzen, nicht hingerichtet werden – wurde seine Todesstrafe in lebenslange Haftstrafe umgewandelt. Wir schreiben uns noch immer.

Mittlerweile schreibe ich mich mit drei Frauen, die zum Tode verurteilt worden sind, und zwei Frauen wie einem Mann, die lebenslänglich sitzen.

Michelle ByromEiner der zum Tode Verurteilten Frauen, Michelle Byrom, steht nun vor der Ungewissheit, ob sie demnächst hingerichtet wird oder nicht. Die Medien und einschlägigen Webseiten, die über die Hinrichtungen berichten bzw. die Listen der Todeskandidaten aktualisieren, haben ihren Namen nun auf die Liste gesetzt und den 27. März als „Hinrichtungstermin“ bestätigt. Allerdings ist noch gar nichts bestätigt, denn wie Michelle selbst schreibt, scheint dieses Datum nur dafür zu sein, dass das Gericht bis dahin entscheidet, ob es einen Termin festlegt, oder nicht. Ich urteile nicht darüber, was sie verbrochen haben soll, und ich bin auch niemand, die sagt, dass eine Todesstrafe gerechtfertigt ist. Ich bin eher der Meinung, dass der Staat nicht über das Leben eines Menschen entscheiden darf, denn nur Gott entscheidet bzw. gibt und nimmt Leben.

Hier kann ich alle Leserinnen und Leser nur bitten, dass sie an Michelle Byrom denken und für sie beten.

Die Todesstrafe wird im Qur’an erwähnt, geht aber in Richtung ihrer Abschaffung. Er kennt mögliche Todesstrafen, aber keine in dem Sinne zwingende gesetzliche Todesstrafen. Es ist eher so, dass er verlangt „dem Besten der Schrift“ zu folgen, was bedeutet geduldig zu sein und von solch einer Strafe abzusehen bzw. diese auf einen Betrag festzulegen. Man muss dazu sagen, dass es damals keine Gefängnisse wie heute gab.

Quran“Deshalb haben Wir…verordnet, dass, wenn jemand einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen hätte, oder ohne dass ein Unheil im Lande geschehen wäre, es so sein soll, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Leben erhält, es so sein soll, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten. Und Unsere Gesandten kamen mit deutlichen Zeichen zu ihnen; dennoch, selbst danach begingen viele von ihnen Ausschreitungen im Land.” (Qur’an 5:32)

 

Eine der schwersten Sünden ist es, jemandem vorsätzlich das Leben zu nehmen. Der Qur’an drängt aber die Familien und Opfer zur Vergebung und dazu, Gnade zu zeigen, auch unter den entsetzlichsten Umständen:

Koran 1“In der Wiedervergeltung ist Leben für euch, o ihr, die ihr einsichtig seid! Vielleicht werdet ihr Allah fürchten.”         (Qur’an 2:179)

 

Im islamischen Recht besteht keine Einigkeit darüber, wann und ob die Todesstrafe heute anzuwenden ist, denn in den islamischen Rechtskreisen und Gesellschaftsschichten gibt es unterschiedliche Auffassungen über die Verhängung der Todesstrafe. Mögliche Schuldsprüche und Todesurteile müssen unter strengsten Auflagen erfolgen, so dass die Todesstrafe eine außergewöhnliche Strafe ist und bleibt:

Erhobener Zeigefinger

 

„…nimm nicht das Leben, das Gott unverletzlich gemacht hat, außer auf dem Wege der Gerechtigkeit und des Rechts. So hat Er euch gebietet, auf dass ihr Weisheit lernt.“ (Qur’an 6:151)

 

Im Qur’an steht, dass vorsätzlicher Mord oder schwere Körperverletzung durch Hinrichtung oder Verstümmelung, oder aber auch durch die Bezahlung eines Bußgeldes an die Familie des Opfers gesühnt werden kann. Allerdings ist es auch so, dass die Familie oder Verwandten darauf bestehen könnten, dass der Täter/ die Täterin hingerichtet wird. Im Qur’an steht jedoch auch, dass Vergebung und Barmherzigkeit im Vordergrund stehen müssen:

prayer beads„Darum, wenn ihr auf einen Angriff (im Streit) antworten müsst, antwortet nur im Maße des gegen euch gerichteten Angriffs; aber euch mit Geduld zu betragen, ist fürwahr besser für (euch, da Gott mit) jenen (ist), die geduldig in Widrigkeit sind.“ (Qur’an 16:126)

Die religiösen Quellen machen häufig darauf aufmerksam, dass Gott vergebend und barmherzig ist, deshalb sollte auch bei der Anwendung des Gesetzes Vergebung und Erbarmen im Vordergrund stehen. Der Qur’an sagt:

Quran 2„Und nehmt keinem Menschen das Leben – (das Leben) das Gott heilig zu sein gewollt hat – außer in (der Ausübung von) Gerechtigkeit Darum, wenn irgendjemand unrechtmäßig getötet worden ist, haben Wir die Verteidiger seiner Rechte ermächtigt (eine gerechte Vergeltung zu üben); aber selbst dann sollte er die Grenzen der Gerechtigkeit im (vergeltenden) Töten nicht überschreiten. (Und was den angeht, der unrechtmäßig getötet worden ist -) siehe, ihm wird fürwahr (von Gott) beigestanden.“ (Qur’an 17:33)

Da Irren menschlich ist und da die Gefahr eines möglichen Missbrauchs besteht, entspricht deshalb schon beim leisesten Zweifel an den Beweisen Erbarmen und Barmherzigkeit eher dem rechten Glauben als eine Hinrichtung anzufordern:

Quran 1„Aber überdies, wenn einer geduldig in Widrigkeit ist und vergibt – dies, siehe, ist fürwahr etwas, sein Herz daran zu hängen.“ (Qur’an 42:43)

 

TodesstrafeDie Krux an der ganzen Angelegenheit ist, dass selten aus qur’anischer Perspektive die Todesstrafe beleuchtet und erörtert wird. Der Qur’an schreibt vor, dass man Zweifel anmelden muss, was die derzeitige Umsetzung der Todesstrafe angeht, denn diese ist aus Sicht des Qur’ans an etliche Bedingungen geknüpft, die jedoch gegenwärtig kaum Beachtung finden.

Natürlich gibt es auch in den USA (hier als Beispiel, weil ich es obig erwähnte) ein ausgeklügeltes Rechtssystem, was die Todesstrafe angeht, und es sind auch dort etliche Bedingungen damit verbunden, bevor solch eine Strafe überhaupt verhängt werden kann. Nur hängt die Frage im Raum, ob damit wirklich Gerechtigkeit ausgeübt oder nur Vergeltung ausgeübt wird?!

Gerechtigkeit kennt der Mensch im Todestrakt kaum noch. Wie will man einem solchen Menschen gerecht werden, wenn dieser jahrzehntelang in der Todeszelle sitzt, bevor er überhaupt seiner zugesprochenen Strafe ins Auge blicken muss? In diesen Todestrakten zu sitzen ist in sich selbst schon fast Höchststrafe, da scheint die Hinrichtung für manche schon fast eine Erlösung zu sein – siehe die beiden Brieffreunde, die aus dem Todestrakt gekommen sind und nun als lebenslang Inhaftierte, die sich erst einmal an eine halbwegige Zivilisation wieder gewöhnen müssen, ihr Dasein fristen müssen.

Die Folgenreichste von allen Strafen ist letztlich die Todesstrafe und deswegen muss man sich dafür einsetzen, dass diese so lange ausgesetzt wird, bis wirkliche Gerechtigkeit geübt werden kann. Als gläubige Menschen sollten wir uns gegen die Anwendung der Todesstrafe engagieren.

Das Thema „Todesstrafe“ ist hier wirklich nur angeschnitten worden, allerdings macht es einen wichtigen Teil unseres Lebens aus, sei es direkt oder indirekt, denn wenn wir uns mit dem Glauben, aber auch mit uns Menschen beschäftigen, kommen wir nicht umhin zu überlegen, wie wir einzeln zu ihr stehen und was wir von ihr halten. Da ich es mir zur Aufgabe gemacht habe postalischen Kontakt mit zum Tode Verurteilten zu haben – denn jede Person hat ein Recht auf Kontakt mit anderen (Isolation ist schon eine grausame Strafe in sich selbst) – halte ich es für wichtig sich mit dem Thema zu beschäftigen, denn hier geht es um Menschenleben. Nur Gott ist erlaubt Leben zu geben und zu nehmen.

In diesem Sinne wünsche ich allen einen nachdenklichen, von Gott gesegneten Freitag und ein schönes Wochenende.

LG und Salam

Hannibal-Nur

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