♥ Djuma Mubārakah ♥

Hallo und Assalamu Alaykum,

Cuma

 

ich wünsche allen meinen Leserinnen und Lesern einen gesegneten Freitag.

 

 

„Individualität oder Kollektivismus: was lehrt uns der Glaube?“

Wir Musliminnen und Muslime halten unsere Religion für sehr rational und realitätsnah, sowie im Einklang stehend mit den Anforderungen des denkenden Geistes. Der Qur’an lehrt uns verstandesgemäß zu denken, welche eine der wichtigsten Gaben Gottes an den Menschen ist. Wir werden ermutigt die von Ihm geschenkten Fähigkeiten anzuwenden, weiterzuentwickeln, nachzudenken, und sich eine persönliche Meinung zu bilden. Gott fordert den Menschen an vielen Stellen im Qur’an auf, seinen Glauben, sein Wissen und seine Weisheit durch Betrachtung und Nachdenken zu vertiefen, wie zum Beispiel hier:

Koran 1„Geheiligt sei Er, der sieben Himmel in voller Harmonie miteinander erschaffen hat: keinen Fehler wirst du in der Schöpfung des Allergnädigsten sehen. Und wende noch einmal (darauf): kannst du irgendeinen Makel sehen? Ja, wende deinen Blick wieder (darauf) und noch einmal: (und jedes Mal) wird dein Blick auf dich zurückfallen, geblendet und wahrhaft geschlagen…“ (Quran 67:3-4)

Obwohl oft von außen, damit meine ich von denjenigen, die dem Islam nicht angehören, das Klischee nicht nur vermutet, sondern auch gesehen wird, dass der Islam ein eher kollektiv ausgerichtetes Identitätskonzept zu beinhalten scheint und damit eine persönliche Identitätsbildung zur Individualisierung erschweren könnte, ist man ziemlich weit davon entfernt, was der Qur’an zu uns Muslimen eigentlich sagt. Auch wenn wir immer wieder von einer Ummah, einem Zusammengehörigkeitsgefühl unter Muslimen sprechen, bzw. auch in Solidarität von Muslim zu Muslim denken und agieren sollen, so ist die Realität, nämlich dass bei aller Kollektivität Gott der Individualismus des Menschen sehr wichtig ist und im Vordergrund steht, oftmals eine andere und recht durchwachsen.

Warum ist das so? Weil es in bestimmten Bereichen des Glaubens und der muslimischen Community durchaus zutrifft. Ich selbst habe es in meiner vorislamischen Zeit, aber auch seit ich Muslimin bin, erlebt. Es gibt bestimmte Gruppierungen – da haben wir schon ein gewisses Kollektiv – wo man letztendlich mit der Herde läuft oder mit dem Strom schwimmt, um dazu zu gehören. Dazu gehört, dass man bestimmte Praxis- und Denkelemente der jeweiligen Gruppierung übernimmt und ausübt, was wiederum eine Gruppenzugehörigkeit beschreibt. Also ein Mensch/ Gläubiger als Teil eines Ganzen, indem er bzw. sie sich dem Gruppenkonstrukt „unterwirft“. Für manche Gruppierungen sehe ich kein Problem, bei anderen bin ich durchaus etwas kritisch und gebe Bedenken an, ob dies wirklich mit Gottes Idee der Selbstverwirklichung und Individualisierung des eigenen Ichs und der persönlichen Beziehung bzw. seiner Entwicklung dessen zu Ihm vereinbar ist. Gruppenzwang, darunter auch eine zwanghafte zu sehende Frömmigkeit, ist meines Erachtens nicht Gottes Wille und nimmt – auch wenn es irgendwie Recht und Ordnung durch die Gebote und Verbote schafft – dem Menschen seine Individualität, Spiritualität und Lebensfreude.

Die individuellen Fähigkeiten und einmaligen Talente des Menschen sind ein Geschenk Gottes, die zur Entfaltung gebracht, vervollkommnend und zum Wohl der Menschheit genutzt werden sollen – für alle, nicht nur für bestimmte Gruppierungen oder gar nur AnhängerInnen des eigenen Glauben. Eben für ALLE Menschen.

Gott versucht nicht die Individualität seiner Geschöpfe zu zerstören. Ganz im Gegenteil bemüht Er sich vielmehr, jeden Gläubigen – sofern er bzw. sie es zulässt – zur eigenen Vervollkommnung anzuleiten und seine bzw. ihre persönliche Einmaligkeit zu erläutern. Diese Vielfalt ist unter uns Musliminnen und Muslimen sehr wichtig, denn sie trägt zur Bereicherung der Gesellschaft bei und hebt sie auf eine höhere Ebene.

Jeder von uns ebnet sich den Weg zum Heil selbst, denn wir bergen in unseren Herzen alle Möglichkeiten des geistigen Erfolges oder Misserfolges und sind somit auch verantwortlich für unsere eigene Weiterentwicklung, die wir individuell gestalten dürfen. Zwar gibt es Gruppierungen, in denen die Vollkommenheit des Glaubens auf einen bestimmten Typ genormt wird, jedoch müssen Menschen innerhalb dieser ihre von Gott geschenkte individuelle Verschiedenheit aufgeben, ändern oder unterdrücken. Es gibt nur wenige Gruppen, welche ihren ‚Mitgliedern’ Freiheit in der eigenen Entwicklung ermöglichen, obwohl es das Recht eines jeden Gläubigen ist dies zu tun. Der Islam aber erklärt, dass in unserem irdischen Leben, also hier im Diesseits, individuelle Vollkommenheit und Entwicklung möglich ist und man diese nutzen sollte.

Die islamische Lehre besagt, dass der Mensch rein geboren und durch Gottes Schöpfung vollkommen ist;

Rosesogar der Qur’an spricht davon in der Sure „Die Feige“:

„Wahrlich, Wir erschaffen den Menschen in bester Gestaltung.“ (Qur’an 95:4)

 

Die Charaktereigenschaften sind bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt, je nachdem aus welchem Umfeld kommt, und wie er bzw. sie sich diese zu seinem oder ihrem Vorteil (oder Nachteil) zunutze macht. Gott hat dem Menschen positive Eigenschaften geschenkt, allerdings liegt es am Menschen selbst, ob er diese innerhalb seines individuellen menschlichen Lebens auf Erden entwickeln und entfalten lassen möchte. Jeder Einzelne von uns kann Vollkommenheit erreichen, indem er die positiven, bereits vorhandenen Charakterzüge weiterentwickelt, aus denen sich unsere Individualität zusammensetzt.

Über die menschliche Persönlichkeit heißt es:

Rose

„Gott belastet keinen Menschen mit mehr, als er gut zu tragen vermag: zu seinen Gunsten wird sein, was immer Gutes er tut, und gegen ihn, was immer Übles er tut.“ (Qur’an 2:286)

 

Ein anderer Vers besagt:

 

„…und dass dem Menschen nichts angerechnet wird als da, wonach er strebt.“ (Qur’an 53:39)

 

Für den Islam besteht Spiritualität darin, eine geistige Brücke zwischen Menschen und Welt einerseits und Gott andererseits zu bauen. Wir Musliminnen und Muslime werden geradezu aufgefordert uns individuell weiterzuentwickeln, uns zu bilden und dieses Wissen an andere weiterzugeben. Wir lernen über uns selbst, über unser Nafs – es in den Griff zu bekommen und zu kontrollieren, über andere und versuchen unsere individuelle Bindung mit Gott zu stärken. Das können wir nur, indem wir eben nicht dem Kollektiv verfallen, sondern individuell bleiben und gleichzeitig nicht vergessen für andere da zu sein.

„Vermeine nicht Gott in der Weite des Himmels zu erkennen,
bevor du Ihm nicht in einem Staubkorn begegnet bist.“

In diesem Sinne wünsche ich allen einen wunderbaren, von Gott gesegneten Freitag und ein schönes Wochenende.

LG und Salam

Hannibal-Nur 🙂

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