♥ Djuma Mubārakah ♥

Hallo und Assalamu Alaykum,

Cuma

 

ich wünsche allen meinen Leserinnen und Lesern einen gesegneten Freitag.

 

 

„Was ist eine Fatwā und wie geht man mit ihr um?!“

Viele Menschen glauben, dass eine Fatwā ein islamisches Rechtsgutachten bzw. ein Richterspruch ist, welches für alle Muslime verbindlich zu sein scheint. In der Tat gibt es islamische Gruppierungen, die sich teilweise darauf berufen und in Beweisfällen eher eine Fatwā als Erklärung vorbringen als ein Beweis aus dem Qur’an oder aus den Überlieferungen des Propheten (Frieden und Segen seien auf ihm) und seiner Gefährten.

Man kennt den Begriff „Fatwā“ vermutlich am Besten durch den ehemaligen Staatsführer Ayatollah Khomeini, welcher im Jahre 1989 eine Todesfatwā über den Schriftsteller Salman Rushdie sprach, der in seinem Buch „Die satanischen Verse“ wegen angeblicher Gotteslästerung und Abfall vom Islam bestraft werden sollte. Gleichzeitig muss man dazu sagen, dass die Gültigkeit dieser Fatwā von den meisten Muslimen angezweifelt wird.

Auch Osama Bin Laden verkündete eine Fatwā, die den heiligen Krieg aller Muslime gegen die USA und ihre Verbündeten zur Pflicht machen sollte. Jedoch muss man in diesem Falle sagen, dass diese Fatwā völlig unverbindlich war, da Bin Laden nicht die notwendige religiöse Ausbildung dafür besaß, um islamische Rechtsgutachten aussprechen zu dürfen. Nichtsdestotrotz, selbst wenn er diese Bedingungen erfüllt hätte, würde sich nicht automatisch eine verbindliche Rechtsgültigkeit seiner Fatwā daraus ableiten.

In simplen Worten:

Gläubige entscheiden selbst, ob sie eine Fatwā annehmen oder ablehnen wollen. Ihre Entscheidung müssen sie allein vor Gott verantworten.

Papier und Feder

 

 

Was genau ist eine Fatwā?

 

Fatāwā (pl.) sind Lehrmeinungen von islamischen Gelehrten zu nicht eindeutigen Regelungen innerhalb der Schari’a. Die Umsetzung von Fiqh- und Scharia-Normen muss man deshalb auch unterteilen, indem man verstehen lernt, dass Gerichtsurteile ah-kaamu qadaa sind, während eine Fatwā als ah-kaamu diyaanah verstanden wird.
Eine Fatwā appelliert in der Regel an das Gewissen des bzw. der Fatwā-Erfragenden und hat oftmals jenseitige Dimensionen, während, um ein Gegenbeispiel aufzuzeigen, ein Gerichtsurteil auf Basis überprüfbarer Fakten gründet und diesseitige Dimensionen hat, die von der Verantwortung im Jenseits nicht befreien. Eine Fatwā ist nichts anderes als ein Rechtgutachten eines islamischen Rechtsgelehrten. Es ist, wie obig schon geschrieben, kein Urteil eines Richters (arab. Kadi), sondern eine Empfehlung eines/ einer Wissenden (arab. Faqih oder Mufti).

Braucht eine Muslimin/ ein Muslim einen Rat, so geht sie bzw. er zu einem/ einer Wissenden und fragt nach deren gelehrter Meinung zu einem offenen Problem. Auch wenn viele der Ansicht sind, dass Muslime diesen Lehrmeinungen blind folgen, so ist die Realität eine andere, und es gibt, wie so oft im Islam, die Möglichkeit, diese Gelehrtenmeinung anzunehmen oder abzulehnen. Des Weiteren kann der/ die FragestellerIn mit demselben Anliegen auch zu anderen Gelehrten gehen und sie nach ihrer Meinung befragen. Möglicherweise kommt dann ein angenehmeres Ergebnis als Ratschlag dabei heraus.

Papier und Feder

 

 

Aus was besteht eine Fatwā?

 

In der Regel besteht eine Fatwā aus zwei Teilen:

1. Schilderung des Sachverhalts, die mit der Frage des/der Ratsuchenden abschließt.

2. Antwort des Faqih/ Mufti, die aus einer einfachen Zustimmung oder Ablehnung bestehen kann. Bei schwierigeren Fragen wird die Antwort begründet, zum Teil unter Angabe de Quellen, auf die er oder sie seine oder ihre Entscheidung stützt.
Es reicht nicht aus, dass ein(e) Wissende(r) das Problem nur erörtert und auf andere Rechtsgelehrte hinweist. Er oder sie muss eine Entscheidung fällen, und sich dann auch selbst nach ihr richten.

Papier und Feder

 

 

Wer darf eine Fatwā erstellen und herausgeben?

 

Diese Normen werden von weiblichen wie männlichen qualifizierten Gelehrten aus dem Qur’an und den Überlieferungen des Propheten (Frieden und Segen seien auf ihm) und seiner Gefährten abgeleitet. Zur Qualifikation dieser Gelehrten gehört folgendes:

Das Erreichen der Geschlechtsreife, die Zurechnungsfähigkeit, die Vertrauenswürdigkeit, Redlichkeit und Geradlinigkeit, das Fiqh-Talent, das Wissen über die Idschma-Fälle, die Beherrschung von Usul-Fiqh, das Wissen über den Qur’an und seine Wissenschaftsdisziplinen und insbesondere über die Verse der Normen, über das Abrogierte und Abrogierende und über die Hinabsendungsanlässe, das Wissen über die Sunnah und deren Überlieferungen und Disziplinen (fundierte Kenntnisse z.B. der Sahih-Bücher der Imame Al-Bukhary und Muslim, u.a.), sowie die Beherrschung der arabischen Sprache.

Fakt: Nicht jeder Muslim kann so einfach ein Fatwā -Herausgeber sein oder werden.

Papier und Feder

 

 

Wie war es zu Zeiten des Propheten (Frieden und Segen seien auf ihm)?

Zu Lebzeiten des Gesandten Muhammad saw lag die Autorität zur Erläuterung und zum Erlass von Fatāwā einzig und allein in seiner Person. Seine Anordnungen waren für die damaligen Musliminnen und Muslime verbindlich, hatten Gesetzescharakter und wurden von ihnen beachtet, akzeptiert und umgesetzt.

Da aber im Laufe der Zeit die islamische Gemeinde wuchs, und sich nicht alle Muslime ständig in unmittelbarer Nähe des Propheten befanden, um ihn in bestimmten Situationen des täglichen Lebens und in Zweifelsfällen nach der passenden Verhaltensweise zu fragen, begannen die Muslime bereits zu seinen Lebzeiten selbständig Idschtihad zu praktizieren, das heißt, sie bildeten sich ihr eigenes Urteil unter Berücksichtigung aller ihnen bekannten Qur’antexte und Empfehlungen des Gesandten und handelten danach.

Papier und Feder

 

 

Wie entstanden die ersten Fatāwā?

 

Im Qur’an steht folgendes:

„Sie werden dich fragen, was sie für andere ausgeben sollen. Sag: „Was immer von eurem Reichtum ihr ausgebt, soll (zuerst) für eure Eltern sein und für die nahen Verwandten und die Waisen und die Bedürftigen und den Reisenden; und was immer Gutes ihr tut, wahrlich, Gott hat volles Wissen davon.““ (Qur’an 2:215)

„Sie werden dich fragen nach dem Kämpfen im heiligen Monat. Sag: „kämpfen in ihm ist eine schreckliche Sache; aber Menschen vom Pfad Gottes abwenden und Ihn leugnen, und (sie abwenden von) dem Unverletzlichen Haus der Anbetung und seine Leute von dort vertreiben – (all dies) ist noch schrecklicher in der Sicht Gottes, da Unterdrückung schrecklicher ist als Töten“…“ (Qur’an 2:217).

Hier sind Gott und der Prophet Muhammad saw die Instanzen, an die sich die Muslime der medinensischen Gemeine bei Problemen und Auseinandersetzungen zu wenden hatten:

„O ihr, die Glauben erlangt habt! Gebt acht auf Gott und gebt acht auf den Gesandten und auf jene von euch, die mit Autorität betraut worden sind; und wenn ihr über irgendeine Sache uneinig seid, bringt sie vor Gott und den Gesandten, wenn ihr (wahrhaft) an Gott und den Letzten Tag glaubt. Dies ist das Beste (für euch) und am besten am Ende.“ (Qur’an 4:59).

Papier und Feder

 

 

Gibt es einen Unterschied in den Bedingungen im sunnitischen und schiitischen Islam?

Ich muss gestehen, dass ich mich mit der schiitischen Theologie kaum auskenne, allerdings habe ich es bisher so verstanden, dass innerhalb der Schia Fatāwā nur von der geistlichen Elite gemacht werden dürfen. So scheint es zu sein, dass wenn das geistliche Oberhaupt eine Fatwā herausgibt, diese für alle Schiiten bindend ist. Für private Angelegenheiten können sich schiitische Gläubige einen persönlichen spirituellen Führer suchen, dessen Fatwā sie anerkennen. So ergeben sich Gemeinden, die einem Geistlichen folgen.
Wer sich im schiitischen Islam an einen bestimmten Geistlichen bindet, und von ihm ein Gutachten erhält, ist daran auch gebunden, anders als bei den Sunniten, die gegebenenfalls bei einem zweiten Rechtsgelehrten eine neue Fatwā in Auftrag geben können.

Das war ein kleiner Einblick in die Welt der Fatāwā (islamischen Rechtsgutachten). Darüber hinaus gibt es viel mehr zu schreiben und zu berichten, nur sollten diese Gedanken eine kurze Vorlage zum Thema geben, damit Missverständnisse zum ihm aus dem Weg geräumt werden können…so Gott will.

In diesem Sinne wünsche ich allen einen wunderbaren, von Gott gesegneten Freitag und ein schönes Wochenende.

LG und Salam

Hannibal-Nur 🙂

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2 Gedanken zu “♥ Djuma Mubārakah ♥

  1. Christian schreibt:

    Liebe Caroline,

    du schreibst, dass unter anderem das Wissen über Abrogation und Sunnah notwendig ist, um Fatwas erstellen zu können. Nun ist ja sowohl die Bedeutung der Hadithe als auch das Thema Abrogation bei vielen progressiven Muslimen umstritten.
    Daher interessiert mich, woher die Qualifikationen stammen, die für das Erstellen einer Fatwa notwendig sind, oder wer sie festlegt (festgelegt hat). Hast du da evtl. irgendeine Quelle parat?

    Liebe Grüße
    Christian

    • hannibalnur schreibt:

      Lieber Christian,

      entschuldige bitte die späte Antwort. Du hast vollkommen recht, dass die Verwendung von Überlieferungen/ Ahadith unter dem kritischen Auge von progressiven Musliminnen ihre Schwierigkeiten in der Durchsetzung und Anwendung finden.

      Ibn Qayyim al-Dschauziya entwickelte eine Abhandlung zum Thema „Erteilung von Fatāwā“. Der Mufti darf für seine Arbeit kein Geld und keine Geschenke annehmen; allerhöchstens Papier und Tinte bzw. heute wohl eher moderne Schreibgeräte, wie Computer.

      Wer legt die Qualifikationen für das Erstellen einer Fatwa bzw. die Erlaubnis des Erstellens einer Fatwa eines Muftis fest?

      Gute Frage. Eine ausreichend fundierte Antwort könnte ich Dir dazu gar nicht geben. Eventuell gibt es muslimische Komitees oder Organisationen, die das festlegen. Ansonsten würde ich salopp sagen, dass man nach dem Qur’an gehen sollte. Denn die Erteilung einer Fatwā ohne ausreichende Kenntnisse betrachtet die Rechtslehre als Vergehen und beruft sich auf Qur’an 7:33:

      „… und dass ihr gegen Gott etwas aussagt, wovon ihr kein Wissen habt.“

      Ich glaube nicht, dass es etwas Einheitliches in dieser Hinsicht gibt und sich jeder Mufti in jedem jeweiligen Land an bestimmte landesübliche Rechtsschulen hält.

      Was ganz interessant ist, dass es auch weibliche Muftis gibt:
      http://www.20min.ch/news/kreuz_und_quer/story/29762197

      Großartig!

      Liebe Grüße
      Hannibal-Nur (Caroline)

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