♥ Djuma Mubārakah ♥

Hallo und Assalamu Alaykum,

Cuma

 

ich wünsche allen meinen Leserinnen und Lesern einen gesegneten Freitag.

 

 

„Schulisch oder spirituell gelebter Glaube“

Seit geraumer Zeit gibt es endlose Debatten innerhalb der muslimischen Community, wie der Glaube gelehrt, gelernt und gelebt werden sollte, müsste oder könnte. Die erste Debatte, die mir noch in vager Erinnerung bleibt, ist die im Ramadan 2011 (und danach), welche wohl als die „liberal-konservativ“-Debatte in die Geschichte eingehen wird. Nebst dieser Debatte hat es seitdem unzählige ähnliche Diskussionsthemen gegeben, die letztendlich meist zu zwei Lagern führten: auf der einen Seite sahen/ sehen sich die traditionellen Muslime, die versuch(t)en den Islam in seiner herkömmlichen, zumeist konservativen Art und Weise weiterzugeben bzw. durchzusetzen, oder noch besser an ihm festzuhalten, und auf der anderen Seite hatte sich eine neue ‚Front’ der progressiven/ liberalen Muslime zusammengefunden. Jede ‚Seite’ schien das Recht des Glaubens, wie er gelebt werden sollte, für sich gepachtet zu haben, und dementsprechend wurde und wird sich weiterhin verhalten.

Die Debatten um das „WIE“ der Islam gelehrt, gelernt und gelebt werden soll, halten weiterhin an, nur hat sich die Tragweite dessen über die letzten Jahre sehr verändert. Somit ist sie längst nicht mehr ein Grund zu Meinungsverschiedenheiten unter Individuen, sondern nun greifen sich islamische Verbände gegenseitig an, oder noch viel tragischer, diese raufen sich zusammen, um gegen einzelne Menschen aus ihrer eigenen Mitte anzugehen und diese zu bekämpfen. Diese Auseinandersetzungen kann man schon fast als Politikum innerhalb der religiösen Gemeinschaft sehen, und wenn man sich eine Meinung dazu gebildet hat und diese auch öffentlich vertritt, so wird man sehr schnell in eine Schublade gesteckt, egal ob diese nun dem traditionellen oder progressiven Spektrum angehört. So oder so, man bekommt sein Fett weg, wenn man dazu etwas zu sagen hat. Somit besser schweigen und nur beobachten? Für den einen oder die andere wäre das sicherlich von Vorteil und man könnte sein Leben viel entspannter leben. Die Frage stellt sich nur, ob man das wirklich möchte, oder ob man die Veränderung sucht. Wenn Letzteres der Fall ist, dann sollte man seine Stimme durchaus erheben und sich für seine Gedanken und Thesen einsetzen.

Prayer room

 

 

 

 

 

Die Frage hier stellt sich nicht, ob man nun dem konservativen oder liberalen Spektrum angehört. Es ist nebensächlich, ob andere einen in die eine oder andere Schublade stecken, denn egal in welche man von anderen hineingesteckt wird, man kann es selbst meist nur wenig beeinflussen. Je nach Charakter und auch Lebensart steckt in jedem Menschen ein gewisser Automatismus Schubladendenken anzuwenden. Das macht es einfacher zu kategorisieren und einzuteilen, wer zu wem gehört, wem man vertrauen kann und verstärkt das Gruppenzugehörigkeitsgefühl.

Herausgefunden habe ich, dass der Glaube von uns Musliminnen und Muslimen in unterschiedlicher Art und Weise gelebt wird, daher auch meine Überschrift „Schulisch oder spirituell gelebter Glaube“.

Was bedeutet das genau?

Es gibt Glaubensgeschwister, die den Islam schulisch/ akademisch lehren, lernen und leben.

Es gibt Glaubensgeschwister, die den Islam auf spirituelle Art und Weise lehren, lernen und leben.

Und es gibt Glaubensgeschwister, die den Islam schulisch erwirkt spirituell leben.

In allen drei Gruppen gibt es Musliminnen und Muslime, die dem ‚konservativen’ oder dem ‚liberalen’ Bereich angehören, jedoch gibt es auch welche, die sich in keine dieser Kategorien wieder finden werden.

Erhellendes

Was ist denn ein schulisch gelebter Islam?

Ich kann hier nur meine Gedanken wiedergeben, aber für mich ist der Islam vieler neuer Muslime oder Muslime, die sich gerade im Glauben wieder finden bzw. wieder gefunden haben, die einen angelernten Islam praktizieren.

 

Es wird somit etwas Faktisches gelehrt, und dann oftmals eins zu eins in die Tat umgesetzt. Gefühle und Emotionen sind dabei meist nebensächlich. Wichtig ist, dass man den religiösen Pflichten nachkommt, diese einhält und dabei versucht mit bestem Wissen und Gewissen Gott durch eben diese Einhaltung zu gefallen. Dieser Islam wird an Schulen, Koranschulen, Moscheen und anderweitigen Lehrinstituten und vielleicht, wenn auch eher selten, zuhause gelehrt und dann (oftmals) konsequent praktiziert. Ob dabei wirklich Emotionen vorkommen oder nur die Angst, dass etwas passieren könnte, wenn man etwas nicht einhält, scheint umstritten und auch ich vermag dazu keine spezifische Meinung abzugeben, denn jeder Mensch ist anders. Es kommt zudem auf die Lehrerin bzw. den Lehrer an, wie sie bzw. er anderen etwas beibringt. Ist es mehr faktisch als emotional, wird die Praxis dementsprechend sein.

Da ich selbst an unterschiedlichen Islam-Unterrichten teilgenommen habe, liegt es oftmals am Lehrkonzept und auch an der Lehrkraft, wie man den Stoff annimmt, lernt, und dann für sich selbst umsetzt. Zu Anfang meiner Konvertierung nahm ich an einem Unterricht teil, der recht faktisch war, teils Qur’an-bezogen (überwiegend wortwörtlich verstanden) und viel auf Gelehrtenmeinungen basierend. Jahre später nahm ich an einem anderen Unterricht teil, der viele Bereiche des Islams (Qur’an, Hadithwissenschaft, Aqida, Scharia, Fiqh, u.v.m.) abdeckte, und uns Studenten lehrte sich selbst einen Reim draus zu machen.

Fakt ist, dass die meisten ReligionspädagogInnen, IslamwissenschaftlerInnen, Islam-LehrerInnen und Islam-TheologInnen einen faktischen Islam versuchen zu erarbeiten und zu repräsentieren. In Deutschland ist es besonders präsent, denn lieben wir Deutschen nicht ein wenig Ordnung und Organisation? Mögen wir es nicht Listen abzufrühstücken und unser Wissen unter Beweis zu stellen? Wir liebäugeln primär mit der Praxis eines schulisch gelehrten Islams, denn dieser ist nicht kompliziert, sondern sagt uns, wie wir am Besten unseren Glauben leben können, um Allah zu gefallen. Deshalb fällt es uns – insbesondere KonvertitInnen – weniger schwer sich an Gebote und Verbote zu halten, denn schließlich sind wir größtenteils darauf getrimmt. Das einzige Manko an der ganzen Geschichte ist, dass bei allem Eifer den Islam bestmöglich zu leben, die Spiritualität, das mit Allah „eins werden“ und Ihm wirklich zu dienen, indem man sich selbst öffnet und nicht nur streng nach den Regeln lebt, oftmals auf der Strecke bleibt.

Herz im Baum

Was ist ein spirituell gelebter Islam?

Gelebter Glaube hat viel mit Emotionen zu tun. Es gibt Menschen, die vom Islam spirituell angezogen wurden, ohne den Qur’an in die Hand genommen zu haben. Vielleicht ist es die spezielle Eigenart des Menschen, das ihn in dieser Hinsicht so besonders macht.

Andere brauchen ihre Zeit, um in ihrem Glauben die Spiritualität lernen und fühlen zu können. Unter uns: Das Spirituelle im Islam habe ich erst Jahre nach meiner Konvertierung wahrgenommen. Wahrscheinlich musste ich erst den ‚schulischen’ Islam kennen lernen, bevor sich meine Seele dem Spirituellen öffnen konnte.

Das Spirituelle des Islams ist der Kern der Religion. Man kann sagen, dass es das Herzstück ist, welches man pflegen muss. Ist das Herz krank, weicht die Spiritualität von einem und wird vom Faktischen möglicherweise wieder überrollt. Die Spiritualität des Islams lässt sich nicht in wenige Worte fassen, sondern umfasst vielmehr ein Gefühl des Einzelnen, welches sich aber bei jedem individuell entwickelt. Das bedeutet im Endeffekt auch, dass der- bzw. diejenige, der/ die sich dem spirituellen Glaubenspfad öffnet, der schulischen Praxis eine neue Wende gibt, in der man sich viel tiefgreifender mit dem Glauben, mit Gott, und mit seinen Mitmenschen, aber auch sich selbst beschäftigen kann. Ohne die Spiritualität, dieses innere, warme, liebende Gefühl, dass einen mit Emotionen erfüllt, kann man de facto nur schulisch praktizieren. Doch Glaube will nicht nur praktiziert, sondern gelebt werden.

Weiße Rose

Manche glauben, dass es Spiritualität im Islam nicht gibt. Dass es nur Regeln gibt. Nur Gebote und Verbote. Und wer sich an die Gebote und Verbote nicht hält, dem blüht nichts Gutes. Wer sich aber über diesen faktisch gelebten Islam hinwegsetzt und sich inniger und tiefergehend mit den Eigenschaften des Glaubens, mit Gottes Attributen und mit sich selbst als Mensch und DienerIn im Angesichte Gottes beschäftigt, wird herausfinden, dass es zwar einfacher ist sich nur schulisch mit der religiösen Praxis zu beschäftigen, aber es langfristig bereichernder ist sich mit den Sinnen des Glaubens, wie Liebe zu Gott und den Menschen, Nächstenliebe, Zuneigung, Toleranz, Fairness, und Gerechtigkeit auseinanderzusetzen und diese für sich zu gewinnen, um sie dann für sich und andere anzuwenden.

Nur kurz zurück zu den Debatten, denen wir zurzeit „ausgesetzt“ sind. Es scheint endlos und nervig für die einen zu sein, wenn man nur noch zu lesen bekommt, wie sich ein einzelner Mensch gegen Massen für seine Ansichten und Thesen wehren muss. Namen müssen keine genannt werden, schließlich wissen die meisten Leserinnen und Leser, von wem ich hier schreibe. Meiner Meinung nach hat dies nichts mit einer „konservativ-liberalen“ Debatte zu tun, sondern allein mit der Angst der islamischen Verbände, die größtenteils den schulischen Islam vertreten, dass die Spiritualität des Glaubens zum Vorschein kommen könnte. Dabei ist der Islam ein von Spiritualität erfüllter Glaube, der nicht erst seit kurzem zu dieser Denkart einlädt.

Seit Anbeginn des Islams hat es schon immer Freidenker bzw. Freigeister gegeben, deren Ansichten keine bida (zu deutsch: Erneuerungen) sind, sondern sich durch die Jahrhunderte hinweg durchgezogen haben. Die traditionellen Denker haben sich letztendlich durchgesetzt, denn das ist eine meist recht einfache, aber straff organisierte Handlungsweise, wie der Glaube praktiziert werden kann. Werden die religiösen Quellen „anders“ interpretiert und verstanden, bedeutet das für viele Traditionalisten das Gefühl, ihnen wird der religiöse Boden unter den Füßen weggezogen.

Wesentliches

Sinn und Zweck ist es sich mit Kopf und Herz mit dem Glauben auseinander zu setzen, ihn verstehen und lieben lernen. Wenn dann auch noch die Akzeptanz vorhanden ist bzw. entwickelt wird, dass Andersdenkende genau das gleiche Recht haben so zu sein, wie sie es für richtig halten, dann ist schon ein großer Schritt in Richtung innerislamischer Toleranz getan. Dann gibt es auch keine Diskussionen mehr darüber, ob liberale Muslime besser als konservative Muslime oder vice versa sind, denn dann besteht nur noch die Aussage, dass der- oder diejenige besser als der oder die nächste ist, wer sich in Frömmigkeit übt – natürlich im menschlichen und spirituellen Sinne, schließlich ist die Glaubenspraxis kein Wahlkampf, sondern ein individueller Weg zu Gott.

In diesem Sinne wünsche ich allen einen wunderbaren, von Gott gesegneten Freitag und ein schönes Wochenende.

LG und Salam

Hannibal-Nur 🙂

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