♥ Djuma Mubārakah ♥

Hallo und Assalamu Alaykum,

Cuma

 

ich wünsche all meinen Leserinnen und Lesern einen gesegneten Freitag.

 

 

Innere Rückkehr – Wie man Frieden finden kann

Viele von uns räumen zur Zeit in ihrem Leben auf; sei es, dass man sich von materiellen Dingen, die man nicht benötigt, trennt, oder aber auch von bestimmten Personen distanziert, wenn deren Teilnahme am eigenen Leben nicht von Nutzen oder Vorteil ist oder gar zur Last wird. Besonders sieht man diese für sich selbst sprechenden „Befreiungsaktionen“ in sozialen Netzwerken, jedoch auch im wirklichen Leben.

Warum dieser Wandel stattfindet, scheint viel mit Eigensuche, und vielleicht ein wenig mit Verzweiflung zu tun, aber am meisten würde ich denken, dass diese Trennungen und Distanzierungen von Material und Mensch dazu gedacht sind, sich selbst neuen Raum zu geben, eine innere Rückkehr zu etwas zu beginnen, um, so Gott will, am Ende seelischen und womöglich dann auch spirituellen Frieden zu finden.

Baum

 

 

 

 

Sich von materiellen Dingen zu trennen ist oftmals einfacher als sich von bestimmten Menschen zu entfernen. Auch wenn so mancher Sachgegenstand durchaus einen emotionalen und sentimentalen Wert besitzt, ist man wesentlich schneller bereit sich im Guten davon zu trennen, als wenn man die Entscheidung treffen muss sich von einem Menschen zu entfernen und auf Abstand zu gehen, denn in diesem Falle ist es selten ein positiver Grund, an dem besagte Entscheidung hängt.

Manche Menschen möchten sich vollkommen zurückziehen, sei es aus der realen, oder aber auch aus der virtuellen Welt. Sich komplett der virtuellen Welt zu entziehen bzw. sich von ihr zu verabschieden fällt den wenigsten von uns heute leicht, denn ist es nicht so, dass wir uns davon schon so abhängig gemacht haben, egal wie viel oder wie wenig wir diese für unsere eigenen Interessen benutzen? Ob wir nun unbekannte oder öffentliche Personen sind, nutzen wir dieses virtuelle Vakuum, um ein regelmäßiges Feedback über uns selbst von anderen zu bekommen. Das mag bewusst oder unbewusst geschehen, jedoch würde ich im Regelfall auf ersteren Gedanken tippen, denn auch wenn wir es uns ungern gegenüber anderen offen eingestehen würden: Ein wenig Bestätigung von anderen tut doch ganz gut.

Rückzug

 

 

 

 

Die Frage stellt sich hier, in welchem Moment und von wem es sinnvoll ist diese gewünschte Bestätigung zu bekommen. Ist es wirklich wichtig von Person X, Y oder Z ein – übertrieben genanntes – Kopfstreicheln oder vielmehr Egostreicheln zu bekommen oder was genau wünschen wir uns wirklich? Ist die Person, die unser Ego streichelt, auch wirklich von uns überzeugt, oder ist es vielleicht nicht doch so, dass sie einen gewissen Eigennutz daraus zieht, indem sie durch das Egostreicheln von einer Person die Aufmerksamkeit gleichzeitig auf sich zieht? Natürlich, wenn auch nicht immer, aber zieht man an einem Strang, sieht es nach einem Geben und Nehmen und gegenseitiger Unterstützung aus. Nur ist es wirklich unterstützend und förderlich oder doch nur eine Einbahnstraße? Wer unterstützt hier wen und wer ist sich letztendlich doch am Nächsten?

Hierzu gibt es einen wunderbaren Hadith, der uns das ein wenig näher bringt:

 

prayer beadsDer Prophet und seine Gefährten kehrten von einem Feldzug heim und der Gesandte verkündete: „Wir sind vom kleinen Dschihad zum großen Dschihad zurückgekehrt.“

 

Ein Gefährte fragte ihn: „Was ist der große Dschihad, o Gesandter Gottes?“ Und er antwortete: „Es ist das Ringen mit dem Selbst (dem Ego).“

Für uns alle, egal ob wir Muslime sind oder nicht, ist der innere Kampf, also der mit sich selbst, der Schwierigste, aber auch der Eldelste, denn er erfordert die meiste Einsicht, Vergebung und notwendigerweise Aufrichtigkeit gegenüber sich selbst. Und was ist schwieriger als solches von sich selbst einzufordern? Es ist herausfordernd das alltägliche Leben auf den Kopf zu stellen und für Gott zu leben, denn dazu bedarf es der Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und anderen, mit sich selbst im Reinen zu sein, Geduld mit sich selbst, aber auch anderen zu haben und sich spirituell zu bereichern um am Ende inneren Frieden zu finden.

friedrich schillerFriedrich Schiller hat einmal Folgendes gesagt:

„Die Großen hören auf zu herrschen, wenn die Kleinen aufhören zu kriechen!“

Der gute Mann hat Recht.

Man muss nicht überall mitmischen, ständig anderen nach dem Mund reden oder ihre Worte und Taten großartig finden. Man muss auch nicht immer und überall das letzte Wort haben. Manche Dinge geschehen im Leben für einen ganz bestimmten Grund, und wenn man, wie zum Beispiel den schon obig genannten Befreiungsaktionen „zum Opfer fällt“, dann sollte man nicht sofort auf Stufe „Beleidigt sein und ich muss nun einen drauf setzen, denn das lasse ich mir ja nun gar nicht gefallen“ stellen, sondern vielleicht einfach mal abwägen, weshalb diese Aktionen überhaupt durchgeführt werden. Auch wenn es oft ein persönlicher Grund sein kann, so muss es nicht immer sein, denn nicht jede Aktion ist systematisch en detail durchdacht. Vielleicht hilft es, wenn man in solchen – aber auch anderen Situationen – in sich geht und einfach mal überlegt, ob ein Rückzug, eine innere Rückkehr, dabei helfen könnte, sich und andere besser zu verstehen.

Hira Höhle

 

 

Der Prophet Muhammad saw hat sich, so oft es ihm möglich war, zurückgezogen. Einige von Euch werden wissen, dass er dies am Liebsten in seiner Höhle im Berge Hira gemacht hat, wo er in der Einsamkeit meditierte und in Ruhe nachdenken konnte.

 

Ein jeder von uns kann sich solch eine „Höhle“ als Rückzugsmöglichkeit suchen, um die innere Rückkehr zum Glauben, sich selbst und allem damit Verbundenen zu bewegen. Wie dieser Ort aussieht, liegt in der individuellen Bestimmung der Person, denn für den einen mag es ein lebhafter Ort sein, während es für den anderen ein Ort der Stille sein muss, damit Gedanken überhaupt bewegt werden können.

Ich bin der Meinung, dass wir alle eine solche Rückzugsmöglichkeit benötigen, denn nur so können wir in dieser schnellen und hektischen Welt mitwirken, ohne an psychischen Schäden, Burn-out, oder Belastungsproblemen zu erkranken. Wir scheinen die Anerkennung von anderen zu benötigen, dabei ist es viel nötiger, dass wir lernen uns selbst zu respektieren, zu akzeptieren und zu lieben. Das können wir aber nur, wenn wir es schaffen mit uns selbst ins Gericht zu gehen, um uns dann vom Unnötigen zu befreien, die Rückkehr zu sich selbst und damit die Ruhe und den Frieden in sich aufzunehmen, und mit Körper und Geist zu verbinden.

Solange Ihr es nicht schafft ehrlich und aufrichtig gegenüber anderen zu sein, werdet Ihr es nicht oder nur selten schaffen, ehrlich und aufrichtig gegenüber Euch selbst zu sein. Möchtet Ihr Herz, Verstand, Körper und Geist in Einklang haben, müsst Ihr den Rückzug wagen, der Euch lehrt, was wahrhaftig wichtig ist, um sich dann vom Schlechten zu trennen und dem Guten zu öffnen.

„Das Kapital für den Markt dieser Welt ist Gold; im Jenseits ist das Kapital Liebe und zwei feuchte Augen. Wer ohne Kapital zum Markt geht, dessen Leben geht vorbei und er kehrt bald enttäuscht zurück.“ (Mesnevi VI:839)

In diesem Sinne wünsche ich allen einen wunderbaren, von Gott gesegneten Freitag und ein schönes Wochenende.
LG und Salam

Hannibal-Nur 🙂

Märchen vom Auszug aller „Ausländer“

Märchenstunde

Es war einmal, etwa drei Tage vor Weihnachten, spät abends. Über dem Marktplatz der kleinen Stadt kamen ein paar Männer gezogen. Sie blieben an der Kirche stehen und sprühten auf die mauer die Worte „Ausländer raus“ und „Deutschland den Deutschen“. Steine flogen in das Fenster des türkischen Ladens gegenüber der Kirche. Dann zog die Horde ab. Gespenstische Ruhe. Die Gardinen an den Fenstern der Bürgerhäuser waren schnell wieder zugefallen. Niemand hatte etwas -gesehen. „Los kommt, wir gehen.“ „Wo denkst Du hin! Was sollen wir denn da unten im Süden?“ „Da unten? Da ist doch immerhin unsere Heimat. Hier wird es schlimmer. Wir tun, was an der Wand steht: ´Ausländer raus´ !“ Tatsächlich: Mitten in der Nacht kam Bewegung in die kleine Stadt. Die Türen der Geschäfte sprangen auf. Zuerst kamen die Kakaopäckchen, die Schokoladen und Pralinen in ihrer Weihnachtsverkleidung. Sie wollten nach Ghana und Westafrika, denn da waren sie zu Hause. Dann der Kaffee, palettenweise, der Deutschen Lieblingsgetränk: Uganda, Kenia und Lateinamerika waren seine Heimat. Ananas und Bananen räumten ihre Kisten, auch die Trauben und Erdbeeren aus Südafrika. Fast alle Weihnachtsleckereien brachen auf. Pfeffernüsse, Spekulatius und Zimtsterne, die Gewürze aus ihrem Inneren zog es nach Indien. Der Dresdner Christstollen zögerte. Man sah Tränen in seinen Rosinenaugen, als er zugab: Mischlingen wie mir geht´s besonders an den Kragen. Mit ihm kamen das Lübecker Marzipan und der Nürnberger Lebkuchen. Nicht Qualität, nur Herkunft zählte jetzt. Es war schon in der Morgendämmerung, als die Schnittblumen nach Kolumbien aufbrachen und die Pelzmäntel mit Gold und Edelsteinen in teuren Chartermaschinen in alle Welt starteten. Der Verkehr brach an diesem Tag zusammen … Lange Schlangen japanischer Autos, vollgestopft mit Optik und Unterhaltungselektronik, krochen gen Osten. Am Himmel sah man die Weihnachtsgänse nach Polen fliegen, auf ihrer Bahn gefolgt von den Seidenhemden und den Teppichen des fernen Asiens. Mit Krachen lösten sich die tropischen Hölzer aus den Fensterrahmen und schwirrten ins Amazonasbecken. Man musste sich vorsehen, um nicht auszurutschen, denn von überall her quoll Öl und Benzin hervor, floss in Rinnsalen und Bächen zusammen in Richtung Naher Osten. Aber man hatte ja Vorsorge getroffen. Stolz holten die deutschen Autofirmen ihre Krisenpläne aus den Schubladen: Der Holzvergaser war ganz neu aufgelegt worden. Wozu ausländisches Öl?! – Aber die VW´s und BMW´s begannen sich aufzulösen in ihre Einzelteile, das Aluminium wanderte nach Jamaika, das Kupfer nach Somalia, ein Drittel der Eisenteile nach Brasilien, der Naturkautschuk nach Za- ire. Und die Straßendecke hatte mit dem ausländischen Asphalt auch immer ein besseres Bild abgegeben als heute. Nach drei Tagen war der Spuk vorbei, der Auszug geschafft, gerade rechtzeitig zum Weihnachtsfest. Nichts Ausländisches war mehr im Land. Aber Tannenbäume gab es noch, auch Äpfel und Nüsse. Und die „Stille Nacht“ durfte gesungen werden – Allerdings nur mit Extragenehmigung, das Lied kam immerhin aus Österreich!

Offen und undogmatisch sein

Hallo und Assalamu Alaykum,

Sakirin Moschee in Istanbul

wie kann man heutzutage Religion und Alltag in Einklang bringen, ohne sich für dieses oder jenes rechtfertigen zu müssen? Ein Balance-Akt für viele von uns, denen Religion, aber auch der Alltag wichtig ist.

Unter uns Muslimen hat sich so einiges seit dem Tod unseres Propheten Muhammad saw geändert…und das leider nicht zu unserem Vorteil. Daran sind wir zum größten Teil selbst schuld, wollen uns dies oft aber nicht eingestehen. Der Prophet hat Werte wie Liebe, Toleranz, Respekt und Gerechtigkeit gepredigt, und eigentlich wissen alle Muslime, die sich ein wenig mit ihrem Glauben beschäftigt haben, dass dieser die Fähigkeit besitzt, sich an jede Zeit, jede Gesellschaft und Kultur anpassen kann.

Fakt ist, dass wir Muslime mehr und mehr nach dem Tod des Propheten die Offenbarung Gottes – den wunderschönen Qur’an – nicht nur für politische, aber auch für persönliche Zwecke stark instrumentalisiert und dogmatisiert haben. Fakt ist auch, dass wir es noch immer, auch in unserem globalen Zeitalter des Internets, tun, und damit uns gegenseitig (also uns Muslimen), aber auch anderen, von denen wir uns wünschen, dass sie uns wieder respektieren und achten, zerstören.

Im Hier und Jetzt sollten wir uns bemühen, anstatt wie im Steinzeitalter mit Keulen durch die Gegend zu laufen – das betrifft nicht nur Muslime! – aufeinander zuzugehen. Das bedeutet auch, dass man sich „offen“ in dem Sinne geben sollte, dass auch kritische Fragen beantwortet werden, damit ein größeres Verständnis entsteht und man Missverständnissen entgegen wirkt. Mit brachialer Gewalt, und sei sie nur verbal, kann man Spiritualität weder erkennen noch fühlen und schon gar nicht an andere weitergeben. Dogmen sind für Menschen, die sich lieber am Denken von anderen Menschen orientieren und leiten lassen, während ein dogmenfreier Glaube die einzig wahre Beziehung mit Gott ausmacht. Nur wer sich frei darin fühlt, kann dies auch so vermitteln; andere werden die kostbare Süße dieser Freiheit niemals kosten.

„Mit Sicherheit gibt es ein Fenster von Herz zu Herz; die Herzen sind nicht getrennt und voneinander entfernt wie zwei Körper.“ (Mesnevi III:4391)

LG und Salam

Hannibal-Nur 🙂

Musik: Balsam für die Seele

Hallo und Assalamu Alaykum,

„Wenn wir das Leben von einem philosophischen Standpunkt aus betrachten, erkennen wir, dass jeder Mensch einer Note in dieser Symphonie des Lebens entspricht; dass wir alle diese Symphonie des Lebens schaffen, indem ein jeder die Musik beiträgt, die zu dieser Symphonie nötig ist.

Aber wenn wir unseren eigenen Anteil in dieser Lebenssymphonie nicht kennen, dann ist es so, als ob eine der vier Saiten einer Violine nicht gestimmt ist und darum nicht die Musik hervorbringen kann, die sie sollte.

So sollten wir jenen Teil hervorbringen, für den wir geboren wurden. Wenn wir nicht das beitragen, was wir sollten, sind wir nicht in Übereinstimmung mit unserer Bestimmung. Nur wenn wir jenen bestimmten Teil spielen, der zu uns gehört, werden wir Befriedigung finden.“

(Hazrat Inayat Khan)

Alao, wer erzählt, dass Musik im Islam verboten ist, der täuscht sich. Denn im Qur’an wird man kein einziges Verbot von Musik oder Gesang finden. Gott ist sehr präzise und Seine Gebote sind sehr eindeutig in Bezug auf jedes Verbot, das im Qur’an angegeben wird. Jedwedes Verbot von Musik und Gesang, das unter manchen Muslimen besprochen wird, hat keine Grundlage in Gottes Wort, dem Qur’an.

Jeder aufmerksame Beobachter des Universums wird erkennen, dass das ganze Universum in jeder Ecke mit Musik erschaffen wurde. Unser Sprechen, Weinen, Lachen, Singen, Kreischen, Schreien ist nichts anders als Klang und Musik. Unser Herzschlag, Darmgeräusche, Atemgeräusche, das Geräusch unserer Durchblutung oder sogar das unserer Gehirnströme sind nichts als Musik. Die Vögel, die Tiere, die Bäume, die Meere, der Wind und die Wolken wurden alle mit ihrer eigenen Musik erschaffen. Musik ist in jeder Ecke des Universums. Da in allen Dingen um uns herum Musik ist, wäre es naiv zu denken, dass der Eine Gott, der diese ganze Musik erschaffen hat, diese verboten hätte.

Somit genießt Musik und Gesang, denn beides ist Balsam für die Seele und bringt einen näher zum Geliebten. ♥

LG und Salam

Hannibal-Nur 🙂

Das Polieren des eigenen Spiegels

Hallo und Assalamu Alaykum,

Tanzende Derwisch
Das innere Herz (qalb) des Menschen wird oft auch als Spiegel beschrieben, in welchen das göttliche Licht fällt. Unsere Gefühle, Gedanken und Taten sind eine Widerspiegelung dieses Lichtes.

Je nach Beschaffenheit dieses Spiegels werden diese schön oder verzerrt und hässlich sein.

Darum werden wir aufgefordert, „unaufhörlich den Spiegel zu putzen“:

 

„Dann mache es dir zur Gewohnheit – auch wenn du einen dunklen Körper wie Eisen hast – zu polieren, zu polieren, zu polieren;

Damit dein Herz ein Spiegel voller Bilder wird und dir aus jeder Richtung reizende weiße Schönheit zeigt.

Auch wenn das Eisen dunkel war und kein Licht besaß, hat es durch Polieren doch die Dunkelheit verloren.

Das Eisen hat das Polieren ertragen, und seine Oberfläche wurde davon schön, und man kann Bilder darauf sehen.

Weil der Körper grob und dunkel ist, poliere ihn – denn er ist für das Poliermittel empfänglich;

Damit die Formen des Unsichtbaren in ihm erscheinen und der Widerschein von Hûrî und Engel auf ihn treffen.

Gott hat dir Poliermittel gegeben, die Vernunft, um die Oberfläche des Herzens glänzend machen zu können. …“ (Mesnevi IV: 2469 ff)

Allen einen schönen Wochenanfang.

LG und Salam

Hannibal-Nur 🙂