Mein offener Brief an Anne Will und die ARD

„An die ARD-Redaktion

Sehr geehrte Damen und Herren,

sehr geehrte Frau Will,

hiermit werden der Unmut, der Ärger und die Enttäuschung aller MitbürgerInnen, die an einem soliden und freundschaftlichen Miteinander Interesse haben, kundgetan, dass Sie sich dazu entschieden haben am heutigen Abend Ihre Sendung mit dem Titel „Allahs Krieger im Westen – wie gefährlich sind radikale Muslime“ zu moderieren und auszustrahlen.

Es gibt mehrere Gründe, weshalb dieser Unmut zu Recht geäußert werden muss:

Der wichtigste Grund überhaupt besteht darin, dass absolutes Unverständnis vorherrscht, warum man an solch einem wichtigen Tag wie heute eine solche Sendung ausstrahlt. Wie kann man in seinem „Klappentext“ schreiben, dass zurzeit in Solingen eine Serie von Prozessen gegen deutsche Salafisten läuft, wenn doch gleichzeitig HEUTE der 20. Jahrestag des Mordes an 5 türkischen Frauen und Mädchen (auch in Solingen), welcher aus fremdenfeindlichen und rassistischen Gründen stattfand, ist? In Solingen trauert eine Mutter um ihre fünf Kinder und betet zu Gott, dass Er den Mördern vergibt.

Wäre es nicht eindeutig die Priorität gewesen, sich heute dem Thema ‚Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland’ zu widmen, der Opfer zu gedenken, sich mit den Hinterbliebenen auseinanderzusetzen und sich ihrer zu widmen und ihnen Ihren Respekt und Ihre Achtung zu zollen?

Es fällt schwer die richtigen Worte zu finden ohne ausfallend zu werden, liebe ARD-Redaktion und liebe Frau Will, denn der Eindruck, den Ihr Sender und Ihre Sendung dem Publikum und breiten Masse mit dieser Aktion bietet, lässt darauf schließen, dass Sie sich kaum Gedanken um die Menschen machen, sondern sich nur auf die Einschaltquoten verlassen wollen. Eigentlich müssten Sie sich für diese Aktion wirklich schämen, denn es zeigt, dass Sie sich keine intensiven Gedanken darüber gemacht haben oder machen, wie man mit Menschen umgeht, denen diese Leiden zugefügt worden sind. Vielleicht haben Sie es selbst nie erlebt, aber hier geht es nicht um Macht oder Geld, oder Einschaltquoten, sondern darum Menschlichkeit, Interesse an seinen MitbürgerInnen (ob mit oder ohne Migrationshintergrund), Nächstenliebe, Nachbarschaft und ein gutes Miteinander zu demonstrieren.

Hiermit käme man zum zweiten Grund des Unmutes:

Wenn man schon zum Thema „Extremer Islamismus“ eine Sendung moderiert und ausstrahlt, sollten dann nicht auch in der Sendung in dem Thema bewanderte, kompetente und respektierte Persönlichkeiten einladen werden? Es geht schließlich um viel mehr als nur um eine Talkshow, in der ein Thema von allen Seiten (wenn möglich) beleuchtet und auseinander genommen wird. Es ist schließlich kein Kaffeeklatsch, sondern sollte doch bildend für den Zuschauer sein. Wenn man die Gäste des heutigen Abends genauer unter die Lupe nimmt, so wird man sehr schnell feststellen, dass diese sehr selektiv ausgesucht und eingeladen worden sind. Das ist bei diesem Thema leider so üblich, weil man als Fernsehsender mit der Konkurrenz mithalten will und bestimmte Gäste einen „Reiz“ ausüben und für Einschaltquoten sorgen. Dazu kann man aber leider nicht applaudieren, ganz im Gegenteil.

Es sind immer wieder die gleichen Gäste, welche eingeladen werden. Viele befürchten (zu Recht), dass dies geschieht, um ein gewisses Bild des Islams bzw. der MuslimInnen in Deutschland zu (re-)präsentieren, was aber ein absoluter Trugschluss ist, denn keine der geladenen Gäste – zumindest in dieser Sendung – repräsentiert die Mehrheit der MuslimInnen in unserem Land:

In diesem Falle handelt es sich insbesondere um Frau Necla Kelek und Frau Nora Illi, zwei Musliminnen welche nicht unterschiedlicher sein könnten:

– Kelek ist bekannt dafür, dass sie den Islam wie auch die MuslimInnen permanent kritisiert. Was genau weiß Kelek eigentlich über ihre eigene Religion? Hat sie sich jemals mit ihr im Guten und in ihrem Inneren auseinandergesetzt oder ist sie – so demonstriert sie es zumindest öffentlich – nur darauf hinaus Menschen aus ihrem islamischen Umfeld „retten zu wollen“? Als Soziologin kann Kelek schwerlich über theologische Strukturen im Islam referieren, es sei denn sie hat sich wissenschaftlich und religiös damit befasst und könnte diese auch nachweisen. Bisher hat man diese Beweise nicht lesen dürfen. Somit kann man in dieser Sendung von Kelek nur erwarten, dass sie möglicherweise „fröhlich hetzen“ wird und dabei sicherlich von mindestens einem weiteren Sendungsgast Unterstützung erhalten wird.

– Illi ist in Deutschland kaum bis gar nicht bekannt. Nora Illi ist nur denen bekannt, die sich mit dem Thema auch außerhalb Deutschlands befassen und auseinandersetzen. Es gibt viele MuslimInnen, welche sie unterstützen, aber ganz konkret formuliert: Warum laden Sie eine muslimische Konvertitin aus der Schweiz ein, welche schon Ende 2012 bei Ihrer Kollegin Frau Maischberger im Niqab auftrat? Der Sinn und Zweck dieser Einladung erschließt sich mir nicht. Gegen Frau Illi ist erst einmal nichts persönlich Negatives zu sagen, denn ich kenne diese Frau nicht. Sie kann ihren Glauben auch so ausleben, wie sie möchte, solange sie damit glücklich ist und mit ihrer Praxis andere in ihrer Lebensweise nicht beeinträchtigt. Ihre Kleidung und ihre Glaubenspraxis ist einer traditionellen islamischen Richtung zuzuordnen, welche auf Qur’an und Sunnah basiert. So mancher wird heute denken, dass Frau Illi eine Salafistin ist. Warum? Weil Sie es so eingefädelt haben, dass genau das letztendlich propagiert wird und in den Köpfen der Menschen bestehen bleibt. Ich glaube nicht, dass Frau Illi jener Bezeichnung zugeordnet werden kann, nichtsdestotrotz war und ist es völlig verständnislos für fast jeden, warum gerade sie, die nicht einmal in Deutschland, sondern in der Schweiz wohnt, also mit diesen „deutschen Problem“ nichts zu tun hat, eingeladen wird.

– Zu Joachim Hermann kann nur wenig gesagt werden, denn viele ZuschauerInnen werden ihn nicht kennen, aber es ist vorauszusehen, dass Hermann und Kelek sich eventuell gut verstehen werden.

– Zu Asiem El Difraoui kann auch nicht viel gesagt werden, denn auch dieser ist kaum bekannt. Die meisten ZuschauerInnen werden von ihm nicht gehört haben. Und nicht jeder kann sich als Islam-Experte auszeichnen. Diese Titulierungen sind oft äußerst gewagt, aber vielleicht lassen wir uns eines Besseren belehren.

– Thomas Oppermann ist für einige, die sich für die Politik interessieren und Nachrichten schauen, insoweit bekannt, indem er im Kompetenzteam von Kanzlerkandidat Peer Steinbrück arbeit. Mehr wissen viele über diesen Mann aber auch nicht. Was kann er zu diesem Thema beitragen, dass man etwas aus der Situation machen oder verbessern kann?

Was den meisten von uns, die sich über diese Situation beschweren, aufs Mindeste sehr unbehagt und auch sehr befremdlich erscheint, ist die Tatsache, dass in Sendungen mit diesen, aber auch ähnlichen Themen, die interkulturelle, die interreligiöse sowie auch die soziale Kompetenz fehlt. Warum werden bei Ihnen keine Persönlichkeiten eingeladen, die einen zeitgemäßen, moderaten oder traditionellen Islam praktizieren, sich aber auch mit der Theologie dessen beschäftigt haben bzw. beschäftigen und in ihrem Thema dazu beitragen können die Situation zu entschärfen und Lösungen zu finden? Es gibt viele kompetente Menschen – IslamwissenschaftlerInnen (muslimisch wie nichtmuslimisch), muslimische TheologInnen, KulturwissenschaftlerInnen, oder einfach engagierte MuslimInnen (traditionell wie progressiv) – die Ihre Sendungen zu diesen Themen eher bereichern würden als die „Stereotypen“, welche immer wieder eingeladen werden, um ein bestimmtes Islam-/Muslimbild zu formulieren und verstärkt in den dann verstörten Köpfen unserer MitbürgerInnen zu hinterlassen.

Die Mehrheit der MitbürgerInnen – egal ob muslimisch oder nicht – weiß, wie der Islam/ die MuslimInnen von der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft gesehen wird, dass es eine Entwicklung einer Ablehnung des Islams und den MuslimInnen gibt und diese zunimmt.

Sie müssen sich fragen, was Sie mit diesen Themen und insbesondere mit der Besetzung der Gäste in Ihren Sendungen bezwecken wollen:

Wollen Sie bilden oder ein Feindbild schüren und weiter ausbauen?

Wollen Sie bilden, dann sollten Sie sich schleunigst darüber Gedanken machen, wie Sie in Zukunft mit diesen Themen umgehen, wen Sie einladen und was Sie aus diesen Sendungen als Ergebnis für die ZuschauerInnen (die u.a. Ihre NachbarInnen, Familie, FreundInnen, ArbeitskollegInnen, Bekannten, und Fremde sind) mitnehmen und demonstrieren wollen.

Wollen Sie das Feindbild Islam/ Muslime weiter schüren und ausbauen, dann sind Sie auf einem guten Wege dahin.

Es ist aber nicht Sinn und Zweck Ihrer Sendungen ein Feindbild noch zu intensivieren, was Sie allerdings mit Ihren Titeln und Ihren Gästen provozieren. Es gibt hierzulande viele intellektuelle MuslimInnen mit und ohne Migrationshintergrund, welche sich hier zuhause fühlen, welche mehr als Ihre derzeitigen (muslimischen) Gäste ein Sprachrohr für die muslimische Gemeinschaft in Deutschland sind bzw. sein können. Diese engagierten Menschen müssen Sie einladen und eine Stimme geben; nicht denen, die Hass schüren, sich muslimfeindlich präsentieren, oder denen, die den Glauben auf puristische Weise leben und damit den Zuschauer in den Glauben bringen, so sei der Islam. So ist er nämlich nicht.

Extreme auf beiden Seiten zu präsentieren ist ein lukratives Geschäft, denn es sorgt für die nötigen Einschaltquoten, aber kommen Sie von diesem Trip mal runter und lernen Sie Menschen kennen, die den goldenen Mittelweg nehmen und etwas präsentieren, was die Mehrheit der MuslimInnen repräsentiert. Wenn dann noch die fachliche Kompetenz dieser Gäste stimmt, dann kommt aus der Talkshow nicht nur ein Schwall von Worten, sondern es werden im Nachhinein auch Taten geschehen, um unsere Gesellschaft zu verbessern und in Einklang zu bringen, und um einen Glauben zu präsentieren, zu leben und zu praktizieren, dass jeder Mensch davon profitiert anstatt Angst haben zu müssen.

Letztendlich muss Ihnen klar werden, dass Sie Ihre Einstellungen gegenüber diesen brenzligen Themen sensibilisieren müssen, und das funktioniert nur, indem Sie sich öffnen, kein Feindbild schüren und Gäste einladen, die Lösungen für diese Probleme finden können.

Vielleicht mögen Sie Stellung zu obigen Gründen nehmen. Darüber würden sich die MitbürgerInnen sicherlich freuen.

Mit freundlichen Grüßen

…“

Advertisements

2 Gedanken zu “Mein offener Brief an Anne Will und die ARD

  1. Kuppi schreibt:

    Hallo!

    „Warum werden bei Ihnen keine Persönlichkeiten eingeladen, die einen zeitgemäßen, moderaten oder traditionellen Islam praktizieren“

    Wurde doch, was könnte traditioneller sein als ein Islam ausgerichtet an Koran, Sunnah, Mohammed, Sahabi usw. Genau den repräsentiert ja eine Islamistin wie Illi. Dieser Islam ist viel mehr Mainstream Islam als die „zeitgemäße, moderate“ Variante von der Sie sprechen. Wie viele Mitglieder hat der Liberal Islamische Bund noch gleich? 150?
    Wer eine absolute Minderheit, quasi die berühmte Ausnahme von der Regel, zum vermeindlichen Mainstream im Islam erklärt, wie Sie das tun, der ist wahrlich diejenige die Wahrnehmungsprobleme hat.

    „Es gibt viele kompetente Menschen – IslamwissenschaftlerInnen (muslimisch wie nichtmuslimisch), muslimische TheologInnen, KulturwissenschaftlerInnen, oder einfach engagierte MuslimInnen (traditionell wie progressiv) – die Ihre Sendungen zu diesen Themen eher bereichern würden als die „Stereotypen“, welche immer wieder eingeladen werden, um ein bestimmtes Islam-/Muslimbild zu formulieren und verstärkt in den dann verstörten Köpfen unserer MitbürgerInnen zu hinterlassen. “

    Hier wird wunderbar deutlich worum es Ihnen eigentlich nur geht. Die Opfer islamischen Terrorismus sind Ihnen dabei ziemlich egal, die Ursachen für solche Taten auch. Ihnen geht es in so einer Sendung nur darum dass der Islam möglichst positiv dargestellt wird. Dafür braucht es dann die „richtigen“ Gäste. Ich finde diese Einstellung sehr bedenklich. Das hier ist Islam, ob Sie es wahrhaben wollen oder nicht:

    MFG Kuppi

  2. medula schreibt:

    Aber der Höhepunkt ihrer (Illis) skurrilen Aussagen bestand darin, dass es doch gerade der Islam sei, der festlege, dass man keine andere Menschen ohne Erlaubnis einer anerkannten Institution töten dürfe.
    Damit vertritt Illi des ganz normalen Islam, und zwar bezieht sich ihre Aussage auf das Verhältnis Jihad-Kalif. Diese “Institution” ist der Kalif. Nur er kann für alle Moslems den Jihad (und zwar den offensiven Angriffskrieg) als kollektive Pflicht befehlen (“fard kifaya”).
    Nun gibt es aber im Moment keinen Kalifen und kein Kalifat; der letzte war der osmanische Sultan und das osmanische Reich.
    Wenn es keinen Kalifen gibt, kann auch keiner kollektiven Jihad befehlen. Es ist aber – und das ist der islamische Trick – in diesem Fall eine individuelle Pflicht (“fard ayn”), die Umma gegen jeden “Angriff” zu “verteidigen”. Und zu dieser individuellen Pflicht können alle Imame, der saudische König, Morsi oder Al Azhar aufrufen; es reicht auch, wenn jeder Moslem beschließt “ich mache jetzt Jihad, um den Islam zu verteidigen”.
    Das steht genau so in den Hadithen; das hat Mohammed genau so befohlen; und dieses “korrekte Prinzip des Jihad” (kollektiver Kalifen/Autoritäten-Jihad versus individueller Ohne-Kalifen-Jihad) lehrt z.B. Saudi Arabien rauf und runter:
    http://yuuuuuup4000.blogspot.de/2013/03/saudi-arabia-to-teach-correct-concept.html
    Illi verkündet also keineswegs was Abseitiges, sondern vollen, üppigen Hauptstrom-Islam.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s