Die liebe Musik…

…ist für einige MuslimInnen laut dem Heiligen Qur’an und den Ahadith (Überlieferungen) verboten, jedoch für andere MuslimInnen der Weg der Annäherung zu Gottes Liebe und Barmherzigkeit, welche sich durch Klänge und/ oder Gesang ausdrücken lassen.

 

MusiknoteDas Thema Musik ist ein gutes Beispiel, um zu zeigen, wie sehr sich die Ansichten progressiver und traditioneller Muslime wie auch islamischer Gelehrter voneinander unterscheiden.

 

Was im Heiligen Qur’an zur Verwendung von Musik geschrieben steht, reicht meiner Meinung nach für ein Verbot dessen nicht aus. Natürlich gibt es viele MuslimInnen, die mir widersprechen würden, und anhand von Qur’anversen wie auch Überlieferungen und Fatawa (islamischen Rechtsgutachten) mir und anderen versuchen zu beweisen, dass durchaus ein Musikverbot besteht.

Islamische Gelehrte, die sich für oder gegen die Musik ausgesprochen haben, berufen sich hin und wieder auf bestimmte Qur’anverse:

Quran

„Und unter den Menschen gibt es solche, die leeres Gerede vorziehen, um (Menschen) ohne Wissen von Allahs Weg hinweg in die Irre zu führen, und um damit Spott zu treiben. Solchen (Menschen) harrt eine schmähliche Strafe.“ (Qur’an 31:6)

-> Für ein Musikverbot.

 

Quran

„Die allem zuhören, was gesagt wird und nur dem Besten folgen, das zu Gott führt. Das sind die von Gott Rechtgeleiteten, und sie sind es, die Verstand haben.“ (Qur’an 39:18)

-> Für die Musik.

 

Primär stützen sich aber islamische Gelehrte auf die Ahadith, also die Überlieferungen des Propheten (saw) und seiner Gefährten. In der Ahadithsammlung von Bukhari heißt es z.B.:

Hadith„Unter meinen Anhängern wird es einige Leute geben, die Unzucht, das Tragen von Seide, das Trinken von alkoholischen Getränken und den Gebrauch von Musikinstrumenten als rechtmäßig betrachten.“

Allerdings gibt es auch islamische Gelehrte, wie z.B. Yusuf al-Qaradawi, der ansonsten als konservativ, jedoch durch moderate Einschätzungen und Fatawa auffällt, gilt, die Musik als halal (erlaubt) bezeichnen.

Seit den Anfängen des Islam im siebten Jahrhundert streiten sich die Gelehrten darüber, ob und wie sich Musik und Religion vereinbaren lassen. Kritiker behaupten: Musik stehe im Widerspruch zu islamischen Prinzipien von Bescheidenheit und Sittsamkeit. Sie verlocke zu Trinkgelagen, verbotenen sexuellen Beziehungen und Prostitution. Außerdem halte sie die Gläubigen von ihren religiösen Pflichten ab. Auch ist umstritten, ob laut vorgetragene Koranrezitationen erlaubt seien. Ihre Schönheit könnte den Zuhörer davon abhalten, über den Inhalt der Worte Allahs nachzudenken.

Darf ein gläubiger Muslim singen oder Musik hören? Gelehrte sind sich uneinig, denn wie schon obig geschrieben, verbietet der Qur’an es nicht bzw. was im Qur’an geschrieben steht, reicht für ein explizites Musikverbot nicht aus. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass Musik keine besonders ausgeprägte Tradition in der Sunnah des Propheten (saw) hatte, aber auch kein direktes Verbot vorliegt.

Umm KulthumDie Musik, obwohl in der puristischen Glaubenslehre zum großen Teil geächtet, ist in allen Schichten der islamischen Gesellschaft stets eine lebendige Kraft geblieben und ist bis heute ein sehr wichtiger Bestandteil des Glaubens.

Seit es den Islam gibt, ist Musik, mit einigen Ausnahmen, ein nicht wegzudenkender Bestandteil, da sie die verschiedensten Bereiche des Lebens abdeckt. Es gab und gibt sakrale Musik, rituelle Musik für Feste, für Situationen des alltäglichen Lebens. Man sang sogar Weinlieder, sei es in den Tavernen oder in den Palästen. Mittlerweile gibt es sogar muslimischen Punk, Hip-Hop, Pop, wunderschöne Nasheeds und andere islamische Lieder, bei denen das Herz geöffnet und erweicht wird. Musiker und Sänger spielen auch heute eine sehr bedeutende Rolle: Die Verehrung z.B. Umm Kulthums, der legendären ägyptischen Sängerin, sprengt alle Maßstäbe. Kaum ein(e) zweite(r) kann ihr in dieser Hinsicht das Wasser reichen, somit spricht sie für sich selbst.

Es ist eine ideologische Seifenblase, in der sich manche gegenwärtige muslimische Gelehrte wohl fühlen, nur weiß man, dass die Seifenblase keinen langen Lebensinhalt hat, somit die Realität schneller, als sie sich wünschen, zum Vorschein kommt, denn es wird eine eigene islamische Wirklichkeit zusammengebastelt, die jedoch die reale Gegenwart und gleichzeitig die ganze Geschichte der islamischen (Musik-) Kultur ignoriert.

Persian MusicWie im Abendland gab und gibt es Musikschulen wie auch große Meister, die ihren Beitrag zum klassischen Repertoire geleistet haben. Ibrahim al-Mausili war ein berühmter Sänger und Gesangslehrer in Bagdad.

Sein Schüler Ziryab, ein persischer Sänger, Musiker und Lebemann, emigrierte im 9. Jahrhundert von Bagdad ins andalusische Cordoba, und führte die fünfte Saite auf der Laute ein. Die Reichhaltigkeit dieser Tradition wird vor allen Dingen in der Volksmusik deutlich, in den überlieferten Weisen, Rhythmen und Tänzen. Sie zeigt, dass man im Orient und in Asien ein gutes Ohr für schöne Verse hat, ganz gleich ob sie von einem berühmten Dichter, oder von einem Volkssänger auf dem Markt stammen.

Arabisches AndalusienSpuren der arabisch-andalusischen Musik finden sich vor allem im Maghreb. Aber auch volkstümliche und klassische Liebeslieder, die in Spanien und in der arabischen Welt noch immer populär sind, erinnern an die Musik und Dichtkunst dieses verlorenen Paradieses Andalusien, das von Chronisten als ein Ort beschrieben wurde, wo sich islamische, christliche und jüdische Einflüsse trafen, wo die Überlieferung der Araber wie der Berber, und letztlich auch die Kultur der Mozaraber (der arabisierten Christen) neue Verbindungen eingingen.

In der Moschee scheint Musik verboten zu sein. Zumindest habe ich noch nie gehört oder gelesen, dass innerhalb einer Moschee Instrumente oder Gesang zu hören waren. Dennoch wird die Rezitation des Qur’ans auf melodiöse Weise bevorzugt. Auch der Gebetsruf wird in einer Art Sprechgesang gerufen. Weiterhin hat die Musik unter vielen Sufis einen großen Stellenwert. Sie sagen, dass die Musik in der Lage sei, die Seele zu höherer Selbsterkenntnis zu erheben. Sufis haben darüber hinaus Musik immer wieder auch als Form der Verkündigung des Islams angewandt, besonders, wenn sie in Ländern waren, in denen Musik einen hohen Stellenwert genoss.

Schönheit der MusikMan könnte endlos über das Thema „Erlaubtes und Verbotenes“ im Islam sprechen, schreiben und diskutieren, auch zum Thema Musik, allerdings ist es eher meine Absicht der Leserin/ dem Leser einen Gedankenanschub zu geben sich selbst mit diesen und anderen Themen auseinander zu setzen und selbständig herauszufinden, was einem gut tut und was nicht.

Da es keinen Konsens zu einem Musikverbot gibt, sogar die Musik noch eher als Teil des Glaubens befürwortet wird und sie in einem Gefühle auslösen kann, die einem näher zu Gott bringen (können), liegt es im Auge und im Verständnis des Einzelnen, was man daraus macht. Abschließend hier vielleicht noch ein paar weise Worte:

„Wer nie jagte,
nie liebte,
nie den Duft einer Blume suchte
und nie beim Klang der Musik erbebte
der ist kein Mensch
sondern ein Esel.“

„Jeder handelt auf eine ihm eigene Weise – und euer Erhalter ist völlig gewahr, wer den besten Weg gewählt hat.“ (Qur’an 17:84)

LG und Salam

Hannibal-Nur 🙂

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4 Gedanken zu “Die liebe Musik…

  1. Jeanette D. schreibt:

    Salam alaikum meine Liebe, das hast du sehr schön geschrieben. 🙂 Die vielen islamischen Nasheeds sind eine Bereicherung und öffnen das Herz für unsere wundervolle Religion. Durch Ammar114 haben viele zum Islam gefunden oder sich wieder ihrer Religion mit dem Herzen zugewandt…. Meiner Meinung nach kommt es auch immer auf den Inhalt an – sinnvolle Texte sind natürlich eine Art Heilung, wenn man Sorgen und Probleme hat. Damit will ich den Platz des Korans natürlich nicht herabsetzen, aber manchmal hilft ein Song, der bestens die momentane Situation beschreibt, eben auch. 🙂

    • hannibalnur schreibt:

      Waalaikum Assalam liebe Jeanette, vielen lieben Dank für Deine schönen Worte. Der Inhalt ist sehr wichtig und er sollte auch zum Schönen (Nachdenken) und sich freuen anregen. Glaube mir, dass wenn ich manche Chartsongs höre, dass sich mir die Füßnägel hochklappen, und ich mich schüttele. Aber wenn ich berührenden Texten/ Gesängen und schönen Melodien lauschen kann, werde ich ein ganz anderer Mensch und kann eine wahre Freude, Ruhe, Gelassenheit, Glück oder Dankbarkeit empfinden…insbesondere in den letzten Monaten ist mir das mehrfach aufgefallen. Und genau dafür bin ich dankbar, denn es bringt mich auch dazu meinem Schöpfer näher zu kommen. 🙂

  2. Wolf D. Ahmed Aries schreibt:

    Im vergangenen Semester und in diesem Sommersemester besuch(t)e ich ein Seminar, daß sich mit der Frage des Zusammenhanges von Klang, Musik und Theologie, Glauben beschäftigt(e).
    Wer behauptet, der Islam hätte keine Musik, der sollte sich bewußt machen, wieviel Musik in jeder Rezitation zu hören ist. Tadjwid gehört in den Grenzraum von Musik und Wort. Zudem möge jeder Kritikaste sich die musikalische Umsetzung der Frömmigkeit in Klänge bewußt und selbstkritisch anhören. Welch ein Zauber der Lobpreisung liegt über einer Stadt, wenn morgens zwanzig und mehr Muezzine ihren Gebetsruf ertönen lassen. . . . von dort erscheint es mir nur kleiner Schritt zu den unterschiedlichen Vertonungen des „Herr erbarme Dich unser“. Musik kann Denken ohne Worte sein; und fordert der ehrwürdige Quir´an uns nicht zum denken auf?

    • hannibalnur schreibt:

      Assalamu Alaykum lieber Wolf Ahmed, wie schön von Dir zu lesen. Vielen lieben Dank für Deine bereichernden Worte. Ich kann dem momentan gar nichts hinzufügen, denn ich lasse sie gerade auf mich wirken, insbesondere „Musik kann Denken ohne Worte sein; und fordert der ehrwürdige Qur´an uns nicht zum denken auf?“ Ich bejahe dies zu 100%. InshaAllah geht es Dir gut. GLG Wasalam. 🙂

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