Deutschsprachige Freitagspredigt? Ja, sicher…

Hallo und Salam Alaikum,

da ich die heutige Freitagspredigt in deutscher Sprache in der Fatih-Moschee so hoch angepriesen und dafür geworben hatte dorthin zu kommen, muss ich leider gestehen, dass meine Erwartungen nicht erfüllt worden sind.

Nun, ein paar Stunden nach dem Besuch der Moschee, bin ich wieder auf einem Niveau, wo ich sagen kann, dass ich mich etwas beherrschen und mehr über die Zeit dieses Besuches reflektieren kann als es direkt nach der Freitagspredigt hätte sein können. Manchmal ist es besser sich ein wenig Distanz zu verschaffen, sonst endet mancher Kommentar schlimmer als er intendiert ist.

Aber da man mittlerweile meine Art kennt, werde ich heute keine Streicheleinheiten verteilen, denn diese sind, zumindest was den Moscheebesuch und meine Erwartungen an ihn angehen, nicht verdient.

Die Moschee macht seit Jahren Werbung auf ihrer Webseite, dass sie jeden letzten Freitag im Monat ihre Freitagspredigt auf Deutsch hält. Genauer Wortlaut auf ihrer Homepage ist wie folgt:

„Jeden letzten Freitag im Monat wird die Freitagspredigt in der Fatih-Moschee in deutscher Sprache abgehalten. Eine Freitagspredigt auf Deutsch öffnet nicht nur die Moschee für alle Muslime unabhängig von ihrer Herkunft, sondern ermöglicht unseren Kindern und Jugendlichen die Probleme mit der Muttersprache haben, dieses besser zu verstehen und weiter zu vermitteln.“

Das erste Mal war ich in 2009 zu einem dieser Freitagsgebete mit einer weiteren konvertierten Muslima aus meinem Freundeskreis. Außer „Bitte schalten Sie Ihre Handys aus“ bekamen wir nichts Deutsches in dieser Freitagspredigt mit. Nur verständlich, dass wir enttäuscht waren, schließlich waren wir extra wegen der auf der Homepage angepriesenen Freitagspredigt auf Deutsch in der Moschee erschienen. Unser Türkisch ist schlichtweg nicht-existent, und da möchte man bei deutschsprachigen Angeboten natürlich zugreifen…wenn es sie denn auch gäbe. Es reicht eben nicht aus Werbung auf der Homepage zu machen und es dann aber nicht in die Tat umzusetzen.

In 2011 war ich mehrere Male zu diesen umworbenen Freitagspredigten, aber auch wenn es sich gegenüber 2009 bezüglich der Freitagspredigten in deutscher Sprache verbessert hatte, so war es dennoch enttäuschend. Ich fragte mich immer, ob es daran liegt, dass einfach das Interesse an deutschsprachigen Freitagspredigten nicht vorhanden ist und sich deshalb so wenig Mühe in deren Vorbereitungen gegeben wird, oder ob die deutsche Sprache ein Problem für die regelmäßigen BesucherInnen darstellt, so dass sich dementsprechend nicht weiterentwickelt wird.

Heute war es ein sagenhaftes Armutszeugnis! Es tut mir sehr leid, wenn ich das so formulieren muss, aber nach heutiger Freitagspredigt kann ich nur sagen, dass die Werbung auf der Homepage ihren Platz dort nicht (!) verdient hat. Ich habe vor 9 Tagen „Werbung“ auf meinem Blog und auf Facebook (in unterschiedlichen Gruppen) für den heutigen Besuch dieser deutschsprachigen Freitagspredigt gemacht, auch in der Hoffnung, dass es eben auch nicht-türkische BesucherInnen anzieht sich das einmal anzuschauen. Persönlich sage ich: Es ist gut, dass Sie/ Ihr nicht gekommen seid, denn es wurde zu wenig geboten:

Zwei Schwestern (eine davon konvertiert) haben mich begleitet, in der Hoffnung (und auch durch meine Werbung angereizt) auf eine deutschsprachige Freitagspredigt. Wir waren pünktlich dort, und der Hoca (Imam) hatte bereits mit seiner Ansprache angefangen…natürlich auf Türkisch! Ich war zu dem Zeitpunkt noch in der Hoffnung, dass wenn er zu Ende gesprochen hatte, dass der deutschsprachige Teil genauso lang und emotional sein würde. Sorry, aber Pustekuchen! Es wurden nach seiner Ansprache vier Rakat gebetet, und dann haben wir einen Moment gewartet…und dann kam tatsächlich ein deutschsprachiger Teil, aber der ist meiner Meinung nach kaum erwähnenswert, denn er war so enttäuschend und kurz, dass ich meine Emotionen in der Moschee nicht zurückhalten konnte (Einzelheiten erspare ich Ihnen/ Euch hier).

Nach Rücksprache mit den beiden Schwestern, die mitgekommen waren, sind wir zu der Überzeugung gekommen, dass dieser deutschsprachige Teil kurzfristig aus dem Internet zusammengesucht und ausgedruckt wurde, damit ein Bruder den vorlesen kann. Und ja, er hatte ihn vorgelesen ohne Emotionen, ohne Persönlichkeit zu demonstrieren. Ich glaube, dass alles nach 3 Minuten vorbei war. Gut, die Essenz – Als Muslim, egal ob Mann oder Frau, hat man die Pflicht sich zu bilden – ist durchaus rüber gekommen, aber mehr gab es nicht. Danach wurde der deutsche Text ins Türkische übersetzt (welcher, ohne dass ich des Türkischen mächtig bin, sich deutlich entspannter anhörte), noch einmal 2 Rakat mit dem Hoca gebetet, Salawat und Duaas gemacht, und dann war alles vorbei.

Vielleicht habe ich zu hohe Erwartungen, aber wenn etwas angepriesen wird, und das seit vielen Jahren, sich aber kaum Mühe diesbezüglich gemacht wird, dann fühlt man sich doch etwas veräppelt. Ich habe in den vergangenen Jahren einige Freitagspredigten in deutscher Sprache erleben dürfen – einige sehr gut, einige weniger gut – aber es war nie nach 3 Minuten (okay, vielleicht 5, wobei das großzügig gedacht ist) abgehakt.
Es gibt viele MuslimInnen, die kein Türkisch (oder wahlweise Arabisch in arabischen Moscheen) können. Auch gibt es viele KonvertitInnen, die kein Türkisch (oder Arabisch) können. Wenn dann Angebote in der Muttersprache oder Sprache des Aufenthaltslandes kommen, stürzt man sich drauf wie ein verhungernder Wolf, und möchte dementsprechend (mit Wissen etc.) gefüttert werden.

Ich bin heute hungrig aus der Moschee gekommen – kein gutes Zeichen.

Als Konvertitin ist man von Anfang an eine „zum Islam Zugezogene“, somit fühlt man sich allein schon kulturell, aber auch sprachlich, „benachteiligt“, wenn man sich in der muslimischen Community aufhält bzw. aufhalten will, aber man nichts versteht. Da man nicht in den Glauben/ die Community hingeboren worden ist, sondern sich (meist) aus freiem Willen dazu entschieden hat, ist man von vorneherein ein Außenseiter. Klingt blöd, ist aber so…außer man schwimmt mit den Strom bestimmter Gruppen, aber selbst dann ist man oft mit der Sprache herausgefordert.

Wie soll die Muslime zueinander finden, wenn sich nicht ein wenig mehr um die gemeinsame Sprache gekümmert wird? Hier in Deutschland benötigen wir mehr als nur 3 Minuten auf Deutsch in einer Moschee. Glauben Sie mir, dass es so viele Menschen gibt, die allein aufgrund der Verständigungshindernisse keinen Schritt in eine Moschee wagen. Warum auch? Was sollten sie dort, wenn sie nichts verstehen werden? Sich langweilen und sich Gedanken machen, was für ein Verein die Muslime eigentlich sind?

Es gilt sprachliche Barrieren abzubauen und ich kann den Moscheen nur raten, dass es sinnvoller wäre sich besser und gründlicher auf eine deutschsprachige Freitagspredigt vorzubereiten, so dass alle davon etwas haben. Es reicht nicht aus, wenn man zu deutschsprachigen Seminaren in den Moscheen eingeladen wird. Die Freitagspredigt macht es…und genau daran muss etwas geändert werden. Nur Werbung zu machen und dann es so schlecht auszuführen geht gar nicht!

Ganz ehrlich – ich habe mir mehr erwartet, aber so hat es den Anschein, als wolle man unter sich bleiben.

Und DAS ist nicht islamisch.

Heißt es nicht im Qur’an:

„Oh ihr Menschen, Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und zu Völkern und Stämmen gemacht, auf dass ihr einander erkennen möget. Wahrlich, vor Gott ist von euch der Angesehenste, welcher der Gottesfürchtigste ist. Wahrlich, Gott ist allwissend, allkundig.“ (Qur’an, 49:13)

Es gibt Muslime überall auf der Welt, sie haben unterschiedliche Hautfarben, Sprachen, Kulturen, aber sie haben etwas gemeinsam: Den Glauben. Und sie bilden (eigentlich) eine Einheit – die Ummah. Eine Ummah kann man nur pflegen und fördern, wenn man sich gegenseitig versteht, nicht nur vom Herzen, von Verstand und vom Glauben her, sondern insbesondere Sprache verbindet.

Ich hoffe, dass sich das bessert, inshaAllah.

In diesem Sinne, Frieden an und für alle.

Eine enttäuschte Hannibal-Nur 😦

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2 Gedanken zu “Deutschsprachige Freitagspredigt? Ja, sicher…

  1. Fatima Özoguz schreibt:

    Salam alaikum

    schade dass du solche Erfahrungen machen musstest. Ich wusste gar nicht, dass es da ein Gebet für Frauen gibt, bei den Türken gehen die Frauen ja normalerweise gar nicht hin aus Platzgründen.
    Aber wie viele Konvertierte oder halt Deutschsprachige waren denn eigentlich da? Denn wenn die meisten nichts verstehen, bringts ja auch wieder nichts.

    wa salam

    • hannibalnur schreibt:

      Waalaykum Assalam,

      beim Gebet sollte nicht zwischen Männern und Frauen unterschieden werden, denn beide Geschlechter gehören gleichberechtigt zum Ausüben religiöser Praktiken. Beim Festgebet ist es nicht anders. Selbst der Prophet (saw) hat gesagt, dass man Frauen nicht vom Propheten empfohlenen Handlungen abhalten sollte…und dazu gehört auch die Teilnahme am Festgebet. Von daher ist es meiner Meinung nach höchst unislamisch als Männer den für Frauen zugedachten Raum einfach wegzunehmen und für sich selbst zu nutzen. Korrekt und islamisch wäre es, dass die Frauen ihren Frauenraum/ -bereich für die dafür vorgesehenen Zwecke auch zu nutzen…UND sich nichts einfach wegnehmen zu lassen.

      Und allgemein, wie ich schon schrieb: wenn deutschsprachig angeboten und angepriesen wird, dann möchte ich als Deutschsprachige auch etwas Vernünftiges erwarten und bekommen. Ansonsten sollte man dafür keine Werbung machen.

      LG und Salam

      Hannibal-Nur 🙂

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