Kommentar „Im Netz von Salafisten“

Die ARD-Dokumentation „Im Netz von Salafisten – Wie radikale Muslime junge Menschen verführen“ hat einige besonders besorgniserregende, aber auch teils übertriebene Situationen dargestellt.

Abgesehen von den meiner Meinung nach zu recht besorgten Eltern sind viele Kritiken, Ängste und Sorgen zutage getreten, die auf der einen Seite nachvollziehbar sind, jedoch auf der anderen Seite zu einseitig dargestellt worden sind.

Folgende Punkte sind mir aufgefallen:

1. Es wurden mehrere islamische Prediger vorgeführt, die unter Beobachtung stehen, und in der Szene hinreichend bekannt sind…auch unter den nicht Salafi-orientierten Muslimen. Wie diese dargestellt worden sind, und wie sie sich gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen verhalten haben, zeigt meiner Meinung nach ihre Unsicherheit, obwohl sie sich ihrer Worte und Handlungen und deren Tragweite durchaus bewusst sind. Den meisten hier lesenden MuslimInnen sind die Namen von Muhammad Ciftci alias Abu Anas, Abu Abdullah, Ibrahim Abou Nagie und Pierre Vogel bekannt. Ihre Vorgehensweise, auch in den Einzelfällen ist oftmals, wenn auch nicht bei allen, bekannt. Die Kommentare oder auch Ignoranz von Beantwortung berechtigter Fragen lassen auf einiges schließen, nur keine konsequente Sicherheit ihrer selbst. Abu Anas’ Kommentar, was Frauen erlaubt und verboten sei, und wie Gott mit einer Frau, die kein Kopftuch trägt, umgeht und was für Schmerzen sie erleiden wird, grenzte an nicht nachvollziehbaren Wahn, der nicht religiös oder sozial zu verteidigen ist. Auch Abu Abdullahs abfälliger Kommentar zum Israel-Palästina Konflikt über Juden hat nichts mit islamischem oder sozial-moralisch anständigem Verhalten zu tun. Noch bizarrer und unglaubwürdiger ist es, dass er nicht auf die Frage, weshalb er Juden beschimpft, reagiert, sondern stillschweigend im Inneren der Gebetsräume verschwindet.

2. Es wurden speziell zwei Moscheen bzw. Gebetsräumlichkeiten vorgeführt. Zum einen die Al-Barakha Moschee in Pforzheim, sowie die Al-Nur Moschee in Berlin. Von erster Gebetsräumlichkeit wusste ich bis heute nichts, aber die Al-Nur Moschee ist für ihre radikal-salafische Auslegung und Praxis hinreichend bundesweit bekannt. Mir persönlich würden durchaus andere Salafi-Hochburgen einfallen, welche größeren Einfluß als die in Pforzheim haben und pflegen.

3. In Bremen wollte ein Aussteiger aus der Salafi-Szene nicht erkannt werden. Meiner Meinung nach reicht diese Angst schon an die der Scientology-Aussteiger, die oftmals viel zu befürchten haben, wenn sie nicht in den Schoß der Gruppierung zurückkehren. Mich würde es bei den Salafi-orientierten Muslimen nicht wundern, wenn es bei ihnen ähnlich abläuft. Aber bisher gibt es noch keine genauen Rückschlüsse und Erzählungen, als dass man es ihnen nachweisen könnte.

4. In deutsch-sprachigen Islam-Seminaren, die meistens über die Oster- und Weihnachtsfeiertage organisiert sind, wird die Integration in die deutsche Gesellschaft als verboten propagiert. Ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen, allerdings scheinen diese Islam-Seminare durchaus meiner Meinung nach diesen Anschein zu machen, und wirken auf Muslime wie mich nicht förderlich für den Islam und seine Anhänger, sondern eher als Bedrohung.

5. Gut finde ich die Erwähnung von Claudia Dantschke und Ahmad Mansour, auch wenn zu wenig Details ihrer Arbeit in der Sendung gezeigt wurden. Diese können aber bei Interesse aus ihrer Broschüre „“Ich lebe nur für Allah“ – Argumente und Anziehungskraft des Salafismus“ nachgelesen werden.

Ich fühle großes Mitleid wie auch Schmerz für die Mutter, die ihren Sohn in Afghanistan verloren hat. Allerdings muss ich dazu auch sagen, dass diese Dokumentation ein sehr einseitiges Bild gezeichnet hat. Man darf hier nicht vergessen, dass dieser Film ausschließlich von der Gruppierung der Salafi-orientierten Muslime und ihren Methoden, und NICHT von MuslimInnen im Allgemeinen handelt. Deshalb muss beachtet werden, dass hier nicht alle MuslimInnen in einen Topf geworfen werden. Nicht jeder Muslim ist ein Salafi, nur weil er ein Gebetskäppi zum Gebet oder gar im Alltag trägt. Ich kenne wenige, die das tun, aber es gibt sie. Auch ist nicht jede Muslima mit Kopftuch dem Salafismus zuzuordnen. Weit gefehlt.

Die Gruppierung der Salafi-orientierten Muslime ist eine Minderheit, die nur groß erscheint, weil sie sich in der Öffentlichkeit als Einheit präsentieren und dadurch diesen Eindruck vermitteln. Tatsächlich sind sie aber im Vergleich zur restlichen muslimischen Bevölkerung ein kleiner Prozentsatz. Deshalb ist es auch für diejenigen, die Sorge haben, dass ihre Kinder, Freunde, Bekannte, die sich für den Islam interessieren und eventuell auch konvertieren, in diese Szene abrutschen könnten, wichtig zu wissen, dass die Angst zwar berechtigt sein, aber nicht übertrieben werden darf, denn die meisten, die zum Islam konvertieren, schlagen nicht den Weg der salafi-orientierten Auslegung und Praxis ein, sondern entwickeln sich aufgrund von gesunder Neugier und Gebrauch des Verstandes weiter, um sich einen religiösen, aber dennoch persönlichen Weg zu ebnen, der sie näher zum Glauben, somit zu Gott bringt.

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6 Gedanken zu “Kommentar „Im Netz von Salafisten“

  1. conring schreibt:

    @Hannibal Nur
    Wieso sollte man jetzt als Nichtmuslim generell so froh sein, wenn sein Kind sich dieser Glaubensrichtung zuwendet?
    Man will doch als Eltern seine Werte an die Kinder weiter geben. Das ist doch legitim. Und neben den Salafisten gibt es doch auch in der BRD auch andere Muslime und Musliminnen die eher seltsam drauf sind.

    • hannibalnur schreibt:

      @conring,

      wieso sollte man froh sein? Das weiß ich nicht, behaupte ich auch nicht. Das haben Sie eventuell den Leuten in dieser Dokumentation entnommen. Es ist nicht meine Sichtweise. Es gibt allerdings recht merkwürdige Menschen, auch außerhalb der muslimischen Gemeinde ;-).

  2. conring schreibt:

    @Hannibal Nur
    Sie schreiben doch:
    „sondern entwickeln sich aufgrund von gesunder Neugier und Gebrauch des Verstandes weiter, um sich einen religiösen, aber dennoch persönlichen Weg zu ebnen, der sie näher zum Glauben, somit zu Gott bringt.“
    Und ich sage nur, dass man als Nichtmuslime Eltern da doch nicht immer so begeistert sein muss. Eltern mögen es doch auch, wenn Kindern ihren Lebensweg folgen. Ist doch auch in islamischen Gesellschaften so. Und wenn wenn ich dann Ihre eigenen Ausführungen über die Kuffar-Debatte unter Neubekehrten lese (https://hannibalnur.files.wordpress.com/2011/02/konvertiert-und-nachdenkend-iii-vorsicht-kuffar.pdf) wage ich auch zu bezweifeln, dass da immer „gesunde Neugier und Gebauch des Verstandes“ am Werk sind.
    Ähnlich vernünftig kann man auch über die Reinerhaltung der arischzen Rasse diskutieren.

    Übrigens sollte man auch nicht so herablassen gegenüber Scientology sein. Die sind den USA auch als Religion anerkannt. Und L. Ron Hubbards System ist in sich auch vollkommen vernünftigt.

    • hannibalnur schreibt:

      @conring, ich denke, man sollte allgemein nicht begeistert sein, wenn Menschen, egal ob es die eigenen Kinder, Bekannte oder allgemein Erwachsene, in ein Loch der religiösen Fundamentalität fallen, und man sie dort nicht mehr herausbekommt. Sorgen sollte man sich dann alle Male machen. Aber wenn man sich mit einem gesunden und rationalen Menschenverstand einer Religion nähert und sie einem gut tut und sie nicht der näheren Umgebung Schlechtes oder Negatives gibt, sollte man dies positiv, allermindestens neutral werten. Was Scientology angeht, so habe ich meine Meinung zu dieser Sekte, auch wenn sie in den USA als Religion anerkannt worden ist. Mit Scientology und seinen Anhängern muss man vorsichtig umgehen…Aussteiger gibt es genug, die davon berichten, wie es abgeht, wenn man sich von denen entfernt. Da ist das Aussteigen aus dem Islam schon fast nichts dagegen.

      Gruss
      Hannibal-Nur

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